Sonntag, 2. Oktober 2011

iPhone für Fortgeschrittene

iPhone für Fortgeschrittene


Das Apple-Handy kann viel mehr als nur schön aussehen. 24 Tipps und Tricks für Leute, die das Smartphone nicht nur als schickes Accessoire spazieren führen. Von Andreas Hirstein


Die Bedienung des iPhones als kinderleicht zu bezeichnen, ist nur die halbe Wahrheit. Das mobile Betriebssystem macht es Anfängern tatsächlich einfach, ein Gespräch zu führen oder im Web zu surfen. Man muss dazu nicht die Plattitüde der «intuitiven Bedienung» bemühen. Allerdings stellt das Apple-Handy auch eine Vielzahl von Funktionen bereit, die nicht offensichtlich sind und daher kaum genutzt werden. Dabei können sie sehr nützlich sein, wie die folgende Liste von Tipps und Tricks zeigen soll.
Texte schneller tippen
Zahl einfügen. Wenn in einem Text nur eine einzelne Ziffer eingeben werden muss, legt man den Finger auf die «.?123»-Taste und fährt direkt zur gewünschten Zahl - ohne den Finger vom Display zu nehmen. Gleiches funktioniert auch bei der Eingabe von Kommata und anderen Satzzeichen.
Satzende. Den Punkt am Ende eines Satzes kann man durch doppeltes Antippen der Leertaste erzeugen. Anschliessend geht es direkt in Grossschreibung weiter.
Eine Caps-Lock-Taste kennt die iPhone-Tastatur nicht. Durch Doppeltippen der Shift-Taste wird diese Funktion aber simuliert. Wenn man nur einen einzigen Grossbuchstaben schreiben muss, legt man den Finger auf Shift und führt ihn, ohne loszulassen, auf das gewünschte Zeichen.
Eingabe widerrufen. Die Eingabe von Text lässt sich durch Schütteln des iPhones widerrufen. Durch nochmaliges Schütteln lässt sich gelöschter Text wiederherstellen.
Maps, Kamera und anderes
Sprachsteuerung. Drücken und Halten der Home-Taste aktiviert die Sprachsteuerung. Nach dem Signalton einen Namen aus dem Adressbuch ins Mikrofon sagen, und das iPhone wählt die Nummer. Auch die iPod-App lässt sich so aktivieren. Der Sprachbefehl dafür beginnt mit «Spiel!», dann folgt der Name des Künstlers.
SMS-Zeichen zählen. Pro SMS haben 160 Zeichen Platz. Um das Erreichen der Grenze zu erkennen, aktiviert man in den Einstellungen unter «Nachrichten» den Schieberegler «Zeichenzahl».
Screenshot erstellen. Home-Taste drücken und halten und auf den Hauptschalter tippen. Der momentane Bildschirm wird automatisch in der Foto-App gespeichert.
Fotos verschicken. In voller Auflösung versendet man Bilder, indem man sie in der Foto-App zunächst markiert und anschliessend auf «Kopieren» tippt. Dann in die Mail-App wechseln und die Bilder einfügen (Finger auf Textbereich einer Mail legen, bis «Einfügen» erscheint). Wählt man in der Foto-App «Senden» statt «Kopieren», verschickt das iPhone automatisch ein verkleinertes Bild.
Zoomen und Belichtung der Kamera steuern. Durch Tippen auf das Display fokussiert die Kamera auf den entsprechenden Bildbereich und wählt die passende Belichtung. Gleichzeitig erscheint ein Schieberegler, der digitales Zoomen ermöglicht.
Stecknadel setzen. In Maps Finger auf gewünschten Ort legen. Automatisch placiert die App nun eine Stecknadel, die man anschliessend noch verschieben kann.
Kompass in Maps. Um die Google-Karte in Blickrichtung auszurichten, tippt man in der Maps-App links unten auf den Kompass-Button. Nochmaliges Tipp führt zum erneuten Einnorden der Karte.
Suche. Durch zweimaliges Drücken der Home-Taste gelangt man zum Such-Bildschirm des iPhones. Die Suche beschränkt sich auf den lokalen Inhalt des Gerätes. Ganz unten in der Ergebnisliste befinden sich aber die beiden Links «Websuche» und «Wikipedia-Suche», die zum Aufruf des Safari-Browsers führen.
Safari: Besser surfen
Scrollen. Auf umfangreichen Webseiten nach oben zu scrollen, kann mühsam sein. Schneller geht es durch Antippen der Kopfleiste des Displays. Die funktioniert auch in der Mail-App und anderen Programmen.
Bilder speichern. Bilder von Webseiten lassen sich in der Foto-App speichern, indem man den Finger darauflegt. Auch kopieren und einfügen in eine MMS ist auf diese Weise möglich.
Suche in Safari. Das Suchfenster im Safari-Browser hat zwei Funktionen: Es ermöglicht die Suche im Web und gleichzeitig auf der momentan geöffneten Seite. Während der Eingabe macht die App Vorschläge zum Vervollständigen des Suchbegriffs. Ganz unten in dieser Liste befinden sich Treffer auf der angezeigten Seite.
Link auf Home-Screen ablegen. Häufig besuchte Webseiten legt man am besten direkt auf dem Home-Screen ab. Das geht so: Seite aufrufen, das Weiterleiten-Icon antippen und «Zum Home-Bildschirm» auswählen.
Link kopieren. Um eine Web-Adresse zu kopieren - zum Beispiel, um sie per Mail zu verschicken -, legt man den Finger auf den Link und wählt «Kopieren» aus.
Schneller Aufruf. Bei Websites, die mit «www» beginnen und auf «.com» enden, genügt die Eingabe des Domain-Namens. Safari ergänzt automatisch. Für die Endung «.com» gibt es auf der Tastatur zudem eine eigene Taste. Legt man dort den Finger drauf, werden weiter Endungen angezeigt.
Zoom. Um eine Textspalte bildschirmfüllend darzustellen, genügt schnelles Doppeltippen auf den Text.
Scrollen mit zwei Fingern. Bei komplexeren Seiten mit mehreren Textboxen lässt sich deren Inhalt separat vom Rest der Seite scrollen, indem man zwei Finger gleichzeitig benutzt.
Mehr als Musik: iPod
Schlummer-Funktion. Im Timer des iPhones wählt man unter «Timer-Ende» «iPod-Ruhezustand» aus und startet den gewünschten Countdown. Die Musikwiedergabe der iPod-App wird dann entsprechend vom Timer gesteuert.
Musik vor- und zurückspulen. Wer in einem Song an eine bestimmte Stelle springen möchte, tippt zuerst auf das Coverbild und verschiebt anschliessend den nun angezeigten Button der Verlaufsanzeige. Noch präziser steuern lässt sich dies, indem man den Finger auf den Button legt, ihn dann in vertikaler Richtung nach unten zieht und erst dann horizontal zu spulen beginnt. iPod-Icons verändern. Voreingestellt zeigt die App am unteren Rand die Icons «Listen», «Interpreten», «Titel», «Videos» und «Mehr». Diese Auswahl lässt sich ändern: Auf «Mehr» tippen, dann «Bearbeiten» wählen und aus der erscheinenden Liste die gewünschten Icons über die bisherigen Icons ziehen.
iPod bei gesperrtem iPhone bedienen. Auch wenn das Telefon gesperrt ist, kann man den iPod benutzen. Dazu einfach zweimal auf die Home-Taste drücken.



NZZ am Sonnta 2.10.2011

Sonntag, 14. August 2011

Pharma bezahlt Schreibhilfe für Ärzte

Mediziner lassen ihre Fachartikel häufig von spezialisierten Agenturen verfassen und von der Industrie finanzieren. Nicht immer wird dieses Sponsoring eindeutig deklariert. Von Patrick Imhasly
Publiziere, oder du gehst unter. Diese unerbittliche Regel gilt für jeden, der eine wissenschaftliche Karriere anstrebt. Doch wer als Arzt in einem Unispital rund um die Uhr für seine Patienten da sein muss, findet oft kaum die Zeit, die Ergebnisse seiner Forschung auszuwerten und in einem Fachjournal zu veröffentlichen. Da ist Hilfe höchst willkommen.
Von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, ist es inzwischen gang und gäbe, dass Mediziner ihre Fachartikel nicht von A bis Z selbst schreiben. Vielmehr lassen sie ihre Studien von spezialisierten Agenturen verfassen oder überarbeiten, die dafür hoch qualifizierte Biologen, Chemiker oder Pharmakologen als «Medical Writers» beschäftigen. «Mein Arzt soll sich um mich kümmern können und nachts nicht noch schreiben müssen, das erledigen Profis besser», sagt Françoise Rampelberg. Seit 1997 leitet sie in Zofingen die archimed Medical Communication ag, eine Agentur für medizinische Kommunikation mit rund 20 Angestellten.
«Unglaublich aufpassen»
Oft wird die «redaktionelle Unterstützung», wie es im Branchenjargon heisst, von der Pharmaindustrie finanziert. Problematisch kann das dann werden, wenn dieses Sponsoring nicht eindeutig deklariert wird. «Man muss unglaublich aufpassen, dass nicht Studien publiziert werden, die mehr oder weniger von der Industrie geschrieben wurden», sagt der emeritierte Professor für Innere Medizin Rolf Streuli. Als Redaktor der Fachzeitschrift «Schweizerisches Medizin-Forum» lehnt er zusammen mit seinen Kollegen jedes Jahr ein halbes Dutzend Manuskripte ab, weil dort die Zusammenarbeit mit der Industrie nicht oder zu wenig transparent gemacht wurde.
Für das Sponsoring und die Bearbeitung medizinischer Artikel durch spezialisierte Agenturen gibt es Regeln. Falls die Industrie als Sponsor einer Studie auftritt, muss das in einem Absatz in der Publikation erwähnt werden. Und die Richtlinien des Internationalen Komitees der Editoren Medizinischer Journale (ICMJE) definieren, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit jemand als Autor einer Studie genannt werden darf oder nur als Unterstützer gilt. Die Hilfe von Unterstützern wird in einem eigenen Paragrafen verdankt. Das ist die Regel für die Beiträge, welche die Schreib-Profis der Medizin-Agenturen erbringen.
Der als Autor einer Studie genannte Wissenschafter muss:
Oeinen wichtigen Beitrag zur Konzeption oder zur Datenerhebung oder zur Interpretation der Daten leisten,
Oden Entwurf der Studie selbst schreiben oder zumindest revidieren,
Odie endgültige Fassung der Studie zur Publikation freigeben.
Wer diese drei Kriterien nicht alle erfüllt, gilt nur als Unterstützer. Im Fachblatt «PLoS Medicine» kritisiert nun der britische Medizin-Autor Alastair Matheson, die Dreier-Regel sei viel zu wenig streng und würde von der Pharmaindustrie dazu ausgenutzt, ihren Beitrag zu Studien unter dem Namen von Uni-Forschern zu verschleiern. In der Praxis sei der Ermessensspielraum bei den ersten beiden Punkten gross. Die Industrie könne eine Studie planen, durchführen und von einer Medizin-Agentur schreiben lassen, als Autor gelte weiterhin einzig der Hochschul-Forscher, falls er die Publikation am Ende absegne.
Matheson - selbst als Berater in der Industrie tätig - verlangt, dass in solchen Fällen die Mitarbeiter der Kommunikationsagenturen und der Pharmaindustrie mit Namen als Autoren genannt werden. Zumindest müsse der Name der Agentur oder der Pharmafirma in der Autorenzeile stehen.
Françoise Rampelberg von der Archimed Medical Communication AG ist der Ansicht, dass die geltenden Regeln - die «redaktionelle Unterstützung» in einem speziellen Paragrafen der Publikation zu erwähnen - eine «ausreichende Transparenz» schaffe. Ihre Kunden, internationale Forscher und Firmen, nähmen diese Richtlinien zur Transparenz sehr ernst.
Sponsoring am Unispital Zürich
Zumindest früher war das nicht immer der Fall. So deckte «PLoS Medicine» letztes Jahr auf, dass die Pharmafirma Wyeth, heute eine Pfizer-Tochter, eine PR-Agentur 26 Artikel verfassen liess. Sie erschienen zwischen 1998 und 2005 unter den Namen von «Gastautoren» in diversen Fachblättern und rückten die umstrittene Hormonersatztherapie bei Frauen in den Wechseljahren in zu gutes Licht. Über die Rolle von Wyeth schwiegen sich die Studien aus.
Erfahrung mit Sponsoring und Schreibhilfe haben zum Beispiel Forscher um Edouard Battegay und Pierre-Alexandre Krayenbühl vom Unispital Zürich. Sie liessen sich eine Studie über die Wirksamkeit von Eisen-Infusionen zur Behandlung von Müdigkeit bei Frauen vom Hersteller Vifor Pharma sponsern, der auch für die Überarbeitung des Manuskripts durch Archimed aufkam. In Übereinstimmung mit den ICMJE-Richtlinien sind diese Sachverhalte in der Studie, die jüngst im angesehenen Fachblatt «Blood» erschien, im Detail dokumentiert.
Edouard Battegay erklärt, sie hätten die wesentlichen Schritte an der Studie selbst durchgeführt, insbesondere die Interpretation der Ergebnisse. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Eisen-Infusionen kein Wundermittel darstellen und nur bei Frauen mit tiefen Eisenwerten im Blut sinnvoll sind.
Trotzdem bleibt beim Internisten Rolf Streuli ob solcher Kooperationen ein Unbehagen. «Die Gefahr besteht, dass Resultate im Sinne des Auftraggebers umgebogen werden», sagt er. «Aber vielleicht ist die heutige Ärzte-Generation da weniger empfindlich.» 




NZZ E-Paper - Die digitalen Ausgaben der NZZ

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Twitter, E-Mail, Facebook: Ständig sind wir auf der Jagd nach Neuigkeiten. Manchmal artet das zur Sucht aus, die behandelt werden muss. Warum digitale Kommunikation so verführerisch ist. Von Simone Schmid
Die Ferien in Sardinien waren schön, fand die Mutter. Wenn es die Tochter nur auch bemerkt hätte. «Sie sass stundenlang im Haus und hat auf Facebook mit ihren Freunden gechattet, statt sich am Strand zu erholen», erzählt die Mutter. Alle Freundinnen der 15-jährigen Tochter hätten einen Facebook-Account und ein Smartphone, mit dem sie auch in den Ferien ständig untereinander in Kontakt gewesen seien. Statt im Meer zu baden, posteten die Jungen ihren aktuellen Standort und diskutierten im Internet über Burschen, Liebschaften und Streitigkeiten. «Der Sog von Facebook ist enorm», sagt die Mutter.
In der Schweiz kommt das Problem mittlerweile in den Suchtkliniken an. «Es gibt erste Patienten, die einen begleiteten Facebook-Entzug gemacht haben», sagt Franz Eidenbenz, Fachpsychologe mit dem Spezialgebiet neue Medien. Und nicht nur Facebook ist mächtig: Twitter, SMS, E-Mails, alle Formen der digitalen Kommunikation üben eine Faszination aus, die in Sucht umschlagen kann.
«Soziales Feedback aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn», erklärt der Jugendpsychiater Oliver Bilke-Hentsch vom Schweizerischen Institut für Suchtfragen (SISTA-KJF). Eine E-Mail oder SMS fühlt sich also an wie ein kleiner Kick. Noch viel stärker ist die Wirkung von Social-Media-Seiten wie Facebook, wo Hunderte von Freunden die Möglichkeit haben, Fotos oder Aussagen mit einem «Mag ich» zu bewerten. «Man empfängt Tag und Nacht einen Strom von netten, kleinen Zuwendungen aus allen Richtungen», sagt Bilke-Hentsch. Diese kleinen Belohnungen sind perfekt auf die eigene Person zugeschnitten, denn man löst sie ja mit eigenen Bildern oder Kommentaren aus.
Noch nie war es für einen Normalsterblichen möglich, so viel Zuwendungen und Aufmerksamkeit zu erhalten. «Bisher bekamen das nur Stars oder Politiker», sagt der Zürcher Psychologe Gregor Waller von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Aufmerksamkeit zu bekommen, sei aber ein Urbedürfnis des Menschen. Babys könnten nur überleben, wenn sie von ihren Eltern Aufmerksamkeit erhalten. «Darum dürstet jeder danach.»
Dieses Dürsten kann so weit gehen, dass die eigene Existenz von der Aufmerksamkeit anderer abhängt. «Facebook-Süchtige haben das unerträgliche Gefühl, dass sie nicht mehr existieren, wenn sie nicht dauernd von anderen wahrgenommen werden», so Bilke-Hentsch. Darum ist für einige Teenager die Vorstellung einer Ferienwohnung ohne Internetversorgung der reinste Horror. «Wenn das stete virtuelle Feedback abbricht, ist ihre soziale Existenz gefährdet.»
Im englischen Sprachgebrauch existiert für diesen Zustand bereits der Begriff «Facebook Addiction Disorder». Doch in der Medizin und Psychiatrie spricht man allgemeiner vom «Pathologischen Mediengebrauch». Hierzu zählt das krankhafte Twittern, SMS- und E-Mail-Schreiben, aber auch exzessives Surfen auf Porno-Seiten oder das krankhafte Spielen von Online-Rollenspielen. Studien zeigten, dass Mädchen tendenziell anfälliger sind für eine Kommunikationssucht, Buben verfallen eher dem exzessiven Gamen.
In der Schweiz sind mittlerweile 84 Prozent aller 12- bis 19-Jährigen auf mindestens einer Social-Media-Seite angemeldet, der grösste Teil von ihnen auf Facebook («James-Studie» 2010). «Die meisten haben einen Heidenspass und keine Probleme damit», sagt Bilke-Hentsch. Er selber hilft denjenigen, die keinen Spass mehr haben. «Eine Sucht zeigt sich darin, dass man sich sozial, psychisch oder physisch schädigt.» Schlechte Schulnoten, das Vernachlässigen von Hobbys und Freunden gelten als Warnzeichen einer Internetsucht (siehe Kasten S. 46). «Ein Süchtiger vernachlässigt alles andere, weil er den Wunsch nach Belohnung nicht mehr unterdrücken kann», erklärt Bilke-Hentsch. Zahlen, wie viele Personen aus der Schweiz einen pathologischen Mediengebrauch haben, gibt es noch zu wenig. Nach einer Hochrechnung auf der Basis von Internetanschlüssen geht der Suchtexperte Franz Eidenbenz davon aus, dass es in der Schweiz rund 70 000 Online-süchtige und schätzungsweise 110 000 Gefährdete gibt. Darin sind aber nicht nur die jugendlichen Social-Media-Abhängigen enthalten, sondern auch die älteren Nutzer, die mehr den Pornoseiten oder Internet-Glücksspielen verfallen.
Auch der Jugendpsychiater Bilke-Hentsch beklagt fehlende Forschung. Aber er hat eine pragmatische Formel. «Aufgrund vieler Studien wissen wir, dass 5 bis 10 Prozent aller Jugendlichen seelische Auffälligkeiten haben.» Sie leiden unter Depressionen, Angst- oder Aufmerksamkeitsstörungen und «hätten auch schon vor 2000 Jahren gewisse Auffälligkeiten gezeigt», wie das Bilke-Hentsch ausdrückt. «Wenn neue Suchtmittel auf eine Gesellschaft treffen, sind das meistens diese Risiko-Kinder, die Probleme damit bekommen.» Nicht das Internet löst also die Sucht aus, sondern bestehende psychische Krankheiten oder Familienkonflikte. Bei einem Facebook-Entzug geht es daher in erster Linie darum, herauszufinden, was das wirkliche Problem ist. In schwerwiegenden Fällen - wenn ein Teenager zum Beispiel seit Monaten nicht mehr zur Schule ging - startet man den Entzug mit einem stationären Klinikaufenthalt und einer rigiden Internet-Abstinenz.
Dann werden viele Fragen gestellt. Zum Beispiel: «Warum brauchst du die Bestätigung von fünf fremden Burschen, die das Bild von dir im Badekleid mögen?» Bei Social-Media-Abhängigkeiten gehe es meistens um fehlendes Selbstwertgefühl und um Narzissmus, erklärt der Therapeut. Es würde nach Wegen gesucht, wie die Jugendlichen auch in der realen Welt mehr Wertschätzung erhalten. «Oft hat da die Familie eine wichtige Rolle.»
Im letzten Schritt des Entzugs muss ein neuer Umgang mit dem Internet gelernt werden. «Das ist wie bei einer Ernährungsumstellung: Man muss sich fragen, was man noch essen möchte und wie viel Schokolade noch drinliegt.» Die Gesellschaft habe sich dazu entschlossen, wichtige Funktionen ins Internet zu verlagern. «Darum kann eine vollständige Abstinenz nicht das Ziel sein», sagt Bilke-Hentsch, «sondern so etwas wie .»
Genau das müssen heute alle Jugendlichen lernen: mit den Verlockungen der digitalen Welt umzugehen. «Der Computer muss bei Heranwachsenden vom Spielzeug zum Arbeitsmittel werden», fasst Bilke-Hentsch zusammen. Und der Medienpsychologe Gregor Waller fordert: «Die Eltern müssen ihre Kinder darüber aufklären, was das für Auswirkungen hat, wenn sie übermässig viel twittern, SMS schreiben oder auf Facebook sind.» Die ständigen Ablenkungen führten dazu, dass man weniger produktive Glücksmomente hat, in denen man vollständig in einer Materie versinkt. «Gerade fürs Lernen sind solche Zustände aber wichtig.» Vor allem Kinder, die bereits Aufmerksamkeitsprobleme haben, hätten durch die Ablenkungen mehr Mühe, die geforderte Leistung in der Schule zu bringen.
Auch Erwachsene, die ihre Arbeit dauernd unterbrechen, weil sie zwanghaft E-Mails oder SMS checken, seien weniger produktiv und hätten dadurch mehr Stress. «Ich selber habe meinen Mail-Eingang so eingestellt, dass ich nur noch dreimal am Tag die neusten Nachrichten bekomme», sagt Waller. Wenn man wisse, dass nichts da sein wird, müsse man auch nicht dauernd nachschauen. «Man rennt ja auch nicht stündlich zum Briefkasten.»
Die Mutter auf Sardinien konnte die Familienferien übrigens doch noch geniessen - mit einem rigiden Facebook-Regime. «Wenn ich am Morgen unter der Dusche war, durfte meine Tochter eine halbe Stunde lang auf Facebook chatten.» Dann aber musste der Teenager ab an den Strand.





Sonntag, 19. Juni 2011

«Wir machen unser Glück» nzz am sonntag 19.6.2011

«Wir machen unser Glück»
Er ist einer der bekanntesten und umstrittensten Psychologen in Grossbritannien: Richard Wiseman erzählt, warum Pechvögel selber für ihr Pech verantwortlich sind, wie Pessimisten in nur drei Monaten zu Optimisten werden - und wie man sein Glück am besten schmiedet
NZZ am Sonntag: Sie haben zehn Jahre lang die Leben von 1000 Glückskindern und Pechvögeln untersucht. Was haben Sie gelernt dabei?
Richard Wiseman: Dass die Menschen ihr Glück und ihr Pech zu einem grossen Teil selber herstellen.
Wie muss man sich das vorstellen?
Menschen, die besonders viel Glück haben im Leben, verhalten sich anders als Pechvögel. Sie sind zum Beispiel viel optimistischer. Sie erwarten, dass die Dinge gut laufen, und das wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Und wenn Glückskinder einmal scheitern, nehmen sie ihr Scheitern anders wahr, sie finden es nicht so schlimm und rappeln sich schneller wieder auf.
Sie schreiben, dass man die Chancen auf einen glücklichen Zufall selber vergrössern kann. Wie denn?
In den Befragungen sahen wir, dass die Personen mit viel Glück im Leben doppelt so viele Menschen kennen wie jene, die wenig Glück haben. Mehr Leute zu kennen, heisst, mehr Chancen zu haben. Pechvögel tendieren dazu, isolierter zu leben, sie haben nicht so viele Beziehungen. Einige der Glückskinder erzählten uns von Strategien, wie sie die Chancen in ihrem Leben aktiv vergrössern: Sie fahren zum Beispiel immer wieder auf anderen Wegen zur Arbeit oder unterhalten sich an Partys gezielt mit Personen, mit denen sie normalerweise nicht sprechen würden.
Was kann jemand tun, der vom Pech verfolgt ist?
Mein Buch lesen.
Wie bescheiden.
Wir haben Übungen entwickelt, mit denen man sein Denken und Tun ändern kann. Pechvögel tendieren dazu, sich auf die schlimmen Ereignisse zu fokussieren, die sie erleben. Da hilft eine einfache Übung: ein Glückstagebuch. Wenn man am Ende jedes Tages ein positives Erlebnis aufschreibt, egal, wie trivial oder klein es sein mag, dann beginnt man sich etwa nach einer Woche auf diese positiven Erlebnisse zu fokussieren. Das ist eine simple Intervention, hat aber eine grosse Wirkung.
Man kann so einfach seine Persönlichkeit verändern?
Seine Persönlichkeit zu verändern, ist sehr schwierig. Es ist für eine introvertierte Person fast nicht möglich, extrovertiert zu werden. Andere Dinge wie unsere Einstellungen und Überzeugungen lassen sich dagegen viel einfacher verändern. Es braucht nur etwa drei Monate, um aus einem Pessimisten einen Optimisten zu machen.
Schliesslich sagen Sie nichts anderes, als dass jeder für sein eigenes Glück oder Pech verantwortlich ist. Das ist eine schwere Bürde.
Ja. Aber ich denke, dass jeder diese Bürde tragen muss. Es gibt natürlich Ausnahmen, Unfälle und Krankheiten, die wir nicht kontrollieren können. Aber viele Dinge, die wir Glück oder Pech nennen, sind von unserem Verhalten und unseren Überzeugungen gesteuert. Und vor allem davon, wie wir auf ein Ereignis reagieren. Wenn man die Tagebücher der Glückspilze und Pechvögel anschaut, dann trifft man dort auf dieselben Geschehnisse. Aber die Glückspilze haben die Ereignisse völlig anders wahrgenommen. Sie fallen die Treppe hinunter und brechen ihr Bein, denken aber: Oh, es hätte schlimmer kommen können, ich hätte mir das Genick brechen können.
Warum ist unsere Gesellschaft so besessen vom eigenen Glück?
Diese Obsession nimmt tatsächlich zu. Aber ich halte es für eine ziemlich dumme Idee, nur das Glück zum Ziel zu haben. Natürlich kann man Dinge tun, um sich selber glücklich zu machen. Aber es sollte nicht der Sinn des Lebens sein, sich zu bemühen, glücklich zu werden.
Früher gingen Studenten für die Politik auf die Strasse - heute suchen sie vor allem sich selber.
In den 1960er Jahren ging es um die anderen Menschen. Bei der ganzen New-Age-Bewegung drehte sich dann alles nur noch um die eigene Person, um die Selbstfindung. Diesen Fokus auf das «Ich» finde ich sehr bizarr. Und ich halte ihn auch für kontraproduktiv. Wenn man die Sprache von depressiven Personen anschaut, dann sprechen diese viel mehr über sich selber als die nichtdepressiven, das Wort «ich» taucht sehr oft auf. Wenn man also jemandem sagt, er soll sich auf sich selber konzentrieren, kann das dazu führen, dass alles nur noch schlimmer wird.
In Daniel Kehlmanns Roman «Die Vermessung der Welt» fragt sich der Mathematiker Gauss: Macht mich das Glück dumm?
Das wäre eine interessante Untersuchung: Sind dumme Leute glücklicher? Es wäre auch spannend zu wissen, ob sich Menschen eher für das Glück oder die Intelligenz entscheiden würden. Viele Künstler wollen ja geradezu unglücklich sein, weil sie es für einen kreativeren Zustand halten. Da haben sie vielleicht recht. Auf jeden Fall ist diese Idee, dass man nur positive Emotionen erleben will, sehr seltsam. Und das ist sicher nicht die Botschaft meiner Bücher.
Als Teenager waren Sie einer der jüngsten Profi-Zauberer von Grossbritannien. Warum haben Sie aufgehört?
Zaubern klingt spannend, aber es ist wohl die langweiligste Art, den Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt nur eine gewisse Anzahl an Kartentricks. Und wenn man die mehrere hundert Mal vorgeführt hat, ist es nicht mehr so interessant. Ich zauberte mehrere Jahre professionell, und dabei begann ich mich für die Psychologie dahinter zu interessieren.
Bald darauf befassten Sie sich mit der Frage, warum Menschen Geister sehen. Was interessiert Sie daran?
In einer Bibliothek ist die Zauber-Abteilung gleich neben der Geister-Abteilung - weil es die gleichen Leute sind, die sich dafür interessieren. Leute, die nicht oft rausgehen und nicht viele Freunde haben.
Wie Sie?
Absolut, ja. Wenn man zaubert, braucht man viel Zeit zum Üben. Jeder Zauberer weiss, was Einsamkeit heisst. Und ich liebe Rätsel, die Idee, dass es eine Erklärung für ein Phänomen geben muss. Ich möchte demnächst ein künstliches Geisterhaus bauen. Mit technischen Einrichtungen wie Ultraschall oder feinen Luftzügen will ich herausfinden, was die Ursachen von Geister-Erscheinungen sind.
Ihre Professur nennt sich «Public Understanding of Psychology». Was ist eigentlich Ihr Auftrag?
Es geht darum, Methoden und Resultate der Psychologie der breiten Bevölkerung bekannt zu machen. Dazu schreibe ich Bücher, halte Vorträge und gestalte TV-Sendungen. Alles, was publikumswirksam ist. Akademische Publikationen sind oft schwierig zu lesen, und es gibt viele davon. Ein Teil meiner Aufgabe ist es also, diese Masse an Literatur zu untersuchen, eine vernünftige Schlussfolgerung daraus zu ziehen und diese der Öffentlichkeit zu erzählen. Eine heikle Aufgabe, viele Akademiker machen das nicht gerne. Man muss ein Gleichgewicht finden zwischen Wissenschaftlichkeit und Einfachheit.
Ihre Arbeit wird als Pop-Science kritisiert, jemand nannte Sie einmal «Santa Claus der Wissenschaft».
Oh, das gefällt mir, das habe ich noch nie gehört. Was er wohl damit meinte? Dass ich nur an einem Tag im Jahr arbeite?
Dass Sie lustige Sachen mitbringen?
Ja, vielleicht. Ich mag das. Wenn man in der Kommunikation arbeitet, muss man Aufmerksamkeit erzeugen. Wenn man nur das tut, was Wissenschafter tun, dann sind die Leute gelangweilt und verlieren das Interesse. Man muss zwar immer einen Preis dafür zahlen, wenn man etwas vereinfacht. Auf der anderen Seite aber müssen die Wissenschafter realisieren, dass sie von der Öffentlichkeit finanziert werden. Wenn ihre Einstellung lautet, «wir erzählen euch nicht, was wir tun», dann erhalten sie vielleicht irgendwann einmal keine Steuergelder mehr.Interview: Simone Schmid

Das Ende der Wissenschaft nzz am sonntag 19.6.2011

Das Ende der Wissenschaft
Noch nie flossen so viele Milliarden in die Forschung, noch nie wurden so viele Studien publiziert - und noch nie kam so wenig dabei heraus wie heute. Die moderne Wissenschaft ist in eine Sackgasse geraten, schreibt James Le Fanu
Die heutige Wissenschaft befindet sich in einer Zeit der Blüte und des Niedergangs. Blütezeit deshalb, weil es nie zuvor derart beeindruckende Forschungsinstitutionen gegeben hat und Fördermittel niemals verschwenderischer verteilt wurden als heute. Es werden gigantische Forschungsprojekte mit bis zu Hunderten von Millionen Dollars finanziert. Während das gesamte Forschungsbudget der USA kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal 230 Millionen Dollar erreichte, wuchs diese Zahl bis zum Jahr 1998 um mehrere Zehnerpotenzen. Allein die biomedizinische Forschung erhielt stattliche 62 Milliarden Dollar, und innerhalb der letzten 10 Jahre hat sich diese
Zahl erneut beinahe verdoppelt. So saust der Wert locker an der Hundert-Milliarden-Dollar-Marke vorbei und hängt damit das Bruttoinlandprodukt ganzer Länder ab.
Diese Anstrengungen sind enorm produktiv und generieren eine Flut von Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Im Jahr 1980 beispielsweise umfasste eine Jahresausgabe von «Biological Chemistry» 12 000 Seiten. Im Jahr 2009 war der Umfang um das 8-Fache auf 97 000 Seiten oder 25 Millionen Wörter angewachsen. Und dies ist nur eines
von Hunderten wissenschaftlichen Magazinen. Wir erleben eine wahre Wissensexplosion.
Zeitgleich findet aber auch der Niedergang der Wissenschaft statt. Denn die Frage «Was kommt am Ende dabei heraus?» muss mit «herzlich wenig» beantwortet werden. Besonders dann, wenn man das vorige Jahrhundert zum Vergleich heranzieht, als Forschungsgelder einen winzigen Bruchteil von dem ausmachten, was mit ihnen entwickelt wurde. In den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts schrieben Max Plancks Wirkungsquantum und Einsteins Spezielle Relativitätstheorie die Gesetze der Physik neu. Ernest Rutherford beschrieb das Atom und die Gammastrahlung. Die bahnbrechende Bedeutsamkeit solcher Entdeckungen wurde zwar schon zu ihrer Zeit erkannt, sie öffneten aber auch die Türen für den Fortschritt in den folgenden Jahrzehnten.
Im Gegensatz dazu haben die jüngsten Meilensteine der Wissenschaft enttäuscht. Das Klonschaf Dolly zum Beispiel steht ausgestopft in einem schottischen Museum, und wir sind durch geklonte Schafe, Hunde, Katzen und Kühe kein bisschen klüger geworden. Zweifellos wird Craig Venters jüngstes Projekt, im Labor ein künstliches Bakterium zu erschaffen, einen ähnlichen Verlauf nehmen. Ein einfaches Grundgerüst an Genen zu fabrizieren und diese in ein Bakterium einzusetzen - zum Preis von 40 Millionen Dollar und 10 Jahren Arbeit - ist zwar technisch raffiniert. Das Ergebnis dieser Arbeit aber leistet weniger als die einfachste Lebensform bereits seit 3 Milliarden Jahren in Sekunden abspult.
Praktische Anwendungen der Genforschung sind bis jetzt kaum erkennbar. Die Biotechnologiebranche hatte versprochen, die Medizin und die Landwirtschaft zu revolutionieren. Stattdessen stellte sich heraus, dass es sich um «einen der verlustreichsten Industriezweige überhaupt» handelt, um Arthur Levinson zu zitieren, den früheren Geschäftsführer der kalifornischen Biotechnologiefirma Genentech. Es werden zwar Versprechen gemacht, dass in einigen Jahrzehnten alle Rätsel gelöst sind und dass dank Stammzelltherapie Blinde sehen und Lahme gehen werden. Aber es bleibt bei den Versprechungen.
Eine Erklärung für das inverse Verhältnis zwischen der Höhe der Forschungsförderung und dem wissenschaftlichen Fortschritt schlug 1996 John Horgan, Redaktor beim Wissenschaftsmagazin «Scientific American», vor. Die grossen Erfolge der Vergangenheit, argumentierte er in seinem Buch «An den Grenzen des Wissens», hemmten die Zukunftschancen der Wissenschaft. Die Entdeckungen der vergangenen 60 Jahre rangieren unter den grössten intellektuellen Leistungen überhaupt. Wir können uns heute vorstellen, was vor 14 Milliarden Jahren im Moment des Urknalls passierte. Wir wissen, welche Lebensformen vor 3 Milliarden Jahren auf der Erde als erste auftauchten. Und wir kennen den «universellen Code» des Erbguts, der die Vervielfältigung des Lebens erlaubt. Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, sich vorzustellen, wie derartige Leistungen übertroffen werden sollen. Sobald man sagen kann: «So ist das Universum entstanden», kann alles Folgende nur noch enttäuschen.
Bei seinen Interviews stellte Horgan fest, dass ihm viele der prominenten Wissenschafter zustimmten. «Wir haben die Entdeckung elementarer Naturgesetze erlebt. Das ist aufregend, aber auch einmalig. Wie die Entdeckung Amerikas, kann man sie nur einmal erleben», sagte etwa der inzwischen verstorbene Physiker Richard Feynman.
Unter Horgans Kritikern befanden sich ein Dutzend Nobelpreisträger und die Herausgeber der grossen Wissenschaftsmagazine «Nature» und «Science». Die Behauptung, «die Wissenschaft ist an ihre Grenzen gestossen», meinten sie, sei schon oft in der Vergangenheit geäussert und ebenso häufig widerlegt worden. Der Nobelpreisträger Albert Michelson sagte Ende des 19. Jahrhunderts voraus, dass die Zukunft der Physik in der sechsten Dezimalstelle hinter dem Komma zu suchen sei, weil es künftig nur um sinnlose Verfeinerungen gehen werde. Nur wenige Jahre später stellte Einstein seine Relativitätstheorie vor und wurden die Gesetze der klassischen Physik umgestürzt.
Die jetzige Situation sei eine andere, verteidigte sich Horgan. Sobald man die beiden Extreme der Materie verstanden habe - das winzige Atom und den unendlichen Kosmos - dann sei eine Steigerung kaum möglich. Horgans Szenario vom «Ende der Wissenschaften» steht aber in keinem Verhältnis zur Flut der Forschungsmittel und der Publikationen. Zudem übersieht seine These die bedeutsamen technische Entwicklungen seit den achtziger Jahren: die Entschlüsselung der Gene und die bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften.
Beide Entwicklungen zeigten eine radikale Abkehr von der konventionellen Laborarbeit. Mittlerweile werden Petabytes (Tausende von Billionen von Bytes) an Daten generiert, die von Supercomputern analysiert werden. Diese Datenexplosion hat unser Verständnis der Genetik wie auch der Neurowissenschaften tatsächlich verändert. Allerdings auf eine ganz andere Weise als erwartet.
So fussten die Genomprojekte auf der Annahme, dass ein Ausbuchstabieren genetischer Sequenzen preisgeben würde, wie die unterschiedlichen Formen des Lebens ausgebildet werden. Verständlicherweise waren die Biologen erschüttert, als genau das Gegenteil herauskam: Es handelt sich in etwa immer um die gleichen 20 000 Gene. So sorgen die gleichen Gene dafür, dass eine Fliege fliegt, und dafür, dass ein Mensch ein Mensch ist. Es findet sich einfach nichts im Genom von Fliege und Mensch, welches erklären würde, warum die Fliege über Flügel und ein punktgrosses Gehirn verfügt, während wir Arme haben und unser Geist die Entstehung des Universums erfasst.
Und doch muss die Anleitung zur Vielfalt irgendwo in den Genen versteckt sein, weil sich die Mannigfaltigkeit des Lebens sonst kaum derart exakt replizieren würde. Für den Moment müssen wir daher einsehen, dass wir nicht das Prinzip der Vererbung ergründet, sondern lediglich unsere Ahnungslosigkeit noch vergrössert haben.
Ähnliches widerfuhr den Neurowissenschaftern. Mittels modernster Scans produzierten sie Bilder vom Gehirn beim Denken. Doch es wurde klar, dass das Hirn völlig anders arbeitet als vermutet. Gesehenes und Gehörtes wird in jedem Moment in unzählige Komponenten zerlegt. Es fehlt aber ein Hinweis auf einen integrierenden Mechanismus, der all die Informationen wieder zusammensetzt. So bleibt das grosse Rätsel ungelöst: Wie wird die elektrische Aktivität unzähliger Neuronen im Gehirn in unsere täglichen Erfahrungen übersetzt, wo sich doch jeder flüchtige Moment einzigartig und unfassbar anfühlt? Wo die Kadenzen einer Bachkantate so etwas gänzlich anderes sind als der Geschmack eines Whiskys oder die ewig bleibende Erinnerung an den ersten Kuss.
Die Schlussfolgerung muss lauten: Während es vielleicht möglich ist, den physischen Aufbau des Gehirns bis aufs Atom genau zu erforschen, bleibt sein «Produkt» weiterhin ein ungelöstes Rätsel. Gemeint sind die grossen Geheimnisse des Verstandes: die Selbstwahrnehmung, der freie Wille, das Gedächtnis, die Gabe der Vernunft und der Vorstellungskraft und die eigene Identität, die sich verändert und reift mit der Zeit und doch dieselbe bleibt.
Behauptet man, es sei noch zu früh für derartige Erkenntnisse, muss man leider eingestehen, dass auch weitere Petabytes an Daten die Genetik und die Neurowissenschaften nicht weiterbringen werden. Biologen könnten das Genom jeder einzelnen Art, mit der wir den Planeten teilen, entschlüsseln. Dies würde aber lediglich bestätigen, dass sie alle aus den gleichen Genen bestehen. Gleichzeitig bliebe jedoch die Frage offen, wie diese Gene die einzigartigen Formen und Eigenschaften dieser Kreaturen bestimmen. Das Gleiche gilt für die Untersuchungen des Gehirns. Millionen von Hirnscans bei Versuchspersonen, die einen hüpfenden roten Ball beobachten, werden nicht erklären können, wie neuronale Schaltkreise erfassen, dass der Ball rot und rund ist und hüpft.
Der Kontrast zu den intellektuellen Errungenschaften der Nachkriegszeit ist also eklatant. Kosmologen erklären die Geburt des Universums, und Geologen messen die Bewegung der Kontinente bis auf den Zentimeter. Da verwundert es, dass Genforscher uns nicht sagen können, warum Menschen sich von Fliegen unterscheiden, und dass Neurowissenschafter nicht wissen, wie wir uns eine Telefonnummer merken.
Hat die Forschung vielleicht an den falschen Orten, die ausserhalb ihres Kerngebiets liegen, nach Lösungen gesucht? Hat die Wissenschaft sich verirrt auf der Suche nach dem, was aus monotonen Gensequenzen die Vielfalt des Lebens hervorzaubert und aus der Elektrochemie des Gehirns die Fülle des Geistes?
Es gibt zwei Hinweise, die dies nahelegen: Zum einen ist das Leben unvergleichlich komplizierter als die unbelebte Materie. Seine elementare Einheit, die Zelle, vermag alles hervorzubringen, das jemals auf der Erde gelebt hat. Und doch ist sie vielfach kleiner als die kleinste Maschine, die je vom Menschen konstruiert wurde. Und daher müssen die biologischen Gesetzmässigkeiten des Lebendigen gleichsam komplexer sein als die Gesetze der Physik und der Chemie, welche die unbelebte Materie bestimmen. Und auch wenn die Berechnung des Urknalls bemerkenswert ist, ist sie trivial, verglichen mit dem Wunder des Lebens. Und das Verständnis des Ersteren ist keine Garantie dafür, dass man auch das Letztere begreifen wird.
Ein zweiter Hinweis auf die Irrfahrt der Wissenschaft ist die Möglichkeit, dass der Verstand und das Leben mit unserem materialistischen Verständnis nicht umfassend erklärbar sind. Denn eine entscheidende Eigenschaft von Gedanken, Überzeugungen und Ideen sowie von «Lebensformen»
der Lebewesen ist, dass sie alle nicht materieverhaftet sind und deshalb nicht messbar sind. Und so fallen diese Gebiete aus dem Feld heraus, das naturwissenschaftlich erforschbar und erklärbar ist.
Zusammengenommen erklärt sich damit das Paradox der Blüte und des Niedergangs der Wissenschaft. Hat die Wissenschaft bisher unseren Blick geweitet, sitzt sie nun selbst in der Klemme. Gefangen zwischen den grossen intellektuellen Errungenschaften und der offensichtlichen Unerforschbarkeit des Lebens und des menschlichen Geistes.
Und doch wird die grosszügige Forschungsfinanzierung so lange weitergehen, wie die Ansicht vorherrscht, dass die Anhäufung von immer noch mehr Daten nötig ist - eine nicht ungefährliche Ansicht. Ein indisches Sprichwort sagt: «Nichts wächst unter der Banyan-Feige.» Die Banyan-Feige steht hier für die gigantischen Projekte, die den wahren Geist der intellektuellen Neugier ersticken. Derartige Vorhaben liefern zwar Ergebnisse. Aber sie unterdrücken Eigenschaften, die wahrhaft kreative Forscher auszeichnen: die objektive Urteilskraft, die Beharrlichkeit und die Unzufriedenheit mit vorherrschenden Theorien. Stattdessen bleibt man konservativ und strebt nach «mehr vom Gleichen». Ergebnisse werden so gedeutet, dass sie zum gängigen Verständnis passen. Die führenden Akteure werden, ihrer Reputation verpflichtet, kaum Fördermittel an jene vergeben, die diese Grundlagen hinterfragen. Und wenn engstirnige Streber an der Macht sind und alle Freigeister bezwungen sind - das ist dann wirklich das Ende der Wissenschaft.
Übersetzung: Andrea Six

Donnerstag, 31. März 2011

Rauchzeichen über Fukushima

Im Minutentakt der Live-Ticker überbieten sich die Medien mit Schreckensmeldungen aus Fukushima. Der GAU wird zum Super-GAU und weiter zum Mega-GAU hochgestemmt. Unwissen über die Radioaktivität hilft bei der inszenierten Panikmache. Von Beda M. Stadler


Fukushima hat nichts, aber auch gar nichts an der Realität verändert. Es gibt keine neuen Erkenntnisse, ausser dass Politiker wesentlich grössere Wendehälse sind, als die bösesten Zungen je behauptet haben. Es ist alles beim Alten geblieben. Jeder Schweizer im Umkreis eines Atomkraftwerks hat bereits vor Jahren Jodtabletten, sozusagen Trostpillen, nach Hause geschickt bekommen. Damit hat mir der Staat klipp und klar mitgeteilt, dass auch in der Umgebung von Mühleberg eine Verstrahlung möglich ist. Jeder musste realisieren: Jodtabletten sind das Eingeständnis, dass man sich auf einen GAU vorbereitet, weil er zwar unwahrscheinlich, aber möglich ist. Die Frage ist: Wie hoch ist die Gefahr, was sind die Folgen? In Japan ist eingetreten, was man befürchten musste. Fukushima belegt zudem einmal mehr, dass unser Gehirn nicht nüchtern mit Risiken umgehen kann. Da Angst die Mutter jeder Religion ist, wird unsere Energiepolitik in Zukunft wohl auf der Basis von Wunderglauben gemacht. Neu ist, dass über einen GAU wie über einen Sportanlass berichtet wird. Newsticker jagen nach neuen Rekorden. Weil das Erdbeben und der Tsunami fataler waren als der nukleare GAU, musste der «Super-GAU» her. Das ist so, als würden sich Christen auf den Allerjüngsten statt auf den Jüngsten Tag freuen. Beten für Atheisten Der Papst mochte bei der Untergangsstimmung nicht abseitsstehen. Als einer der Ersten hat er dem japanischen Volk sein Beileid ausgedrückt und versprochen, für die Japaner zu beten. Dabei hätte er doch wissen müssen, dass dieses Volk zu achtzig Prozent aus Atheisten besteht, die sich selber helfen werden. Wissenschaftlich betrachtet ist das vernünftig, denn Beten hilft vor allem zur Steigerung des eigenen Wohlgefühls. Nichts gegen Religion. Aber sie hat in der Politik und erst recht in der Wissenschaft nichts verloren. Wie bei den Paptstwahlen starren die Reporter gebannt auf die Kernreaktoren von Fuku- shima. Ein aufsteigendes schwarzes Räuchlein wird als Vorbote für den Mega-GAU gedeutet (der Super-GAU war die erste Halbzeit), während der weisse Rauch über einem Reaktor eine kurze Pause bietet, um zu sehen, wie viel es im Spiel «Gaddafi gegen die Demokratie» steht. Nachdem der Mega-GAU nicht eintreten wollte, wurde die steigende Radioaktivität in Tokio zum Kulmina tionspunkt. Da unser Gehirn mit fremdem, durch den Tsunami verursachtem Leid nicht umgehen kann, symbolisierten die paar Becquerel in Tokio: Von nun an geht es um unser eigenes Leid. «Espresso», die offiziöse radiophone Sammelstelle für unbegründete Konsumentenängste, machte sich umgehend Sorgen um Importe radioaktiver Nahrungsmittel aus Japan. Mit der Radioaktivität stieg die Scheinheiligkeit. Die deutsche Bundeskanzlerin meinte: «Jawohl, wir wissen, dass wir auch ein Stück weit in Gottes Hand sind.» Wer nicht Physik studiert hat, wurde durch die verwirrenden Einheiten der Messwerte verunsichert. Wer sich früher noch vor einem Curie fürchtete, überschätzt möglicherweise ein Becquerel, unwissend, dass es 37 Milliarden Becquerel braucht, um gleich stark zu strahlen wie ein Curie. Einmal waren es Milli- dann wieder Mikro- oder sogar Nano-Einheiten, egal ob veraltet oder neu eingeführt. Die Röntgen, Rad, Rem und Gray wurden durcheinandergewirbelt wie die sieben Todsünden. Und weil es beim Sündigen mehr auf die Art des Vergehens als auf die Anzahl ankommt, hat man oft vergessen, die Strahlung mit einer Zeitangabe zu verknüpfen. Wurden Halbwertszeiten erwähnt, dann mit Vorliebe jene, die über unsere eigene Menschheitsgeschichte hinausreichen. Das Plutonium eignet sich besonders gut für Verwirrspiele, variiert seine Halbwertszeit doch je nach Isotop zwischen 45 Tagen (Plutonium 237) und 80 Millionen Jahren (Plutonium 244). Dazu muss man wissen, dass ausgerechnet Letzteres auch in der Natur vorkommt. Eine Verseuchung mit Plutonium schafft langwierige Probleme, die aber meist lokal beschränkt sind. Ein extrem hohes spezifisches Gewicht hindert das Plutonium an der Verbreitung; gelangt der Stoff ins Meer, wird es schon nach wenigen Kilometern auf eine ungefährliche Konzentration verdünnt. Journalistische Schreckpetarden Grund genug für unsere Botschafter, nach Osaka zu flüchten. Zur Beruhigung: Ihnen drohte zu keiner Zeit der Heldentod. Die Radioaktivität in Tokio war zwar damals bereits doppelt so hoch wie normalerweise. Die Feststellung, dass die Radioaktivität doppelt so hoch, drei- oder auch zehnmal höher sei als der Normalwert, ist eine journalistische Schreckpetarde. Für viele Menschen ist Radioaktivität etwas Magisch-Dämonisches, gefährlich wie Genfood. Nüchterne Information gibt es, etwa in einer Broschüre des Bundesamtes für Gesundheit (BAG): «Der menschliche Körper enthält Kalium. Es wird durch die Nahrung aufgenommen und vom Körper wieder ausgeschieden. Ein geringer Teil der Kalium-Atome ist radioaktiv, nämlich das Kalium-40. Die Aktivität im Körper beträgt ca. 5000 Bq, das heisst, pro Sekunde zerfallen in unserem Körper etwa 5000 Kalium-40-Atomkerne unter Aussendung von Beta- und Gammastrahlung. Dies führt zu einer inneren Bestrahlung.» Abgesehen davon, dass in unserem Körper ja nicht nur Kalium vorkommt, sondern ein Grossteil der Atome aus der Periodentabelle (die in jedem Schulzimmer hängen sollte) und somit viele weitere Isotope, kann sich jeder selber ausmalen: In unserem Körper strahlt es ständig. Jene, die zu Mahnwachen aufrufen, mag es besonders schockiert haben, dass in einer Wasseraufbereitungsanlage in Tokio erhöhte Werte von radioaktivem Jod-131 fest gestellt wurden.Da 210 Becquerel pro Liter gemessen wurden und der Grenzwert des japanischen Gesundheitsministeriums für Babys bei 100 Becquerel pro Liter festgesetzt wurde, schien der Mega-GAU sich zu bewahrheiten. Die Furcht ist unbegründet. Wer die bereits erwähnten, vom BAG gemessenen natürlichen 5000 Becquerel von Kalium-40 in unserem Körper in Erinnerung hat, kann sich entspannen. In Deutschland wäre das «vergiftete» Wasser von Tokio übrigens normales Trinkwasser gewesen. Dort liegt der Grenzwert bei 370 Becquerel pro Liter. Die zurzeit betriebene Panikmache ist verantwortungslos. Ich sage dies als Über lebender von zahlreichen Anproben in Schuh geschäften, die früher noch Röntgengeräte besassen, mit denen man die Zehenknochen sich im Schuh bewegen sah wie lebende Erdnüsse. Die radioaktiven Ziffern meiner Armbanduhr und das Nachtvisier meines Sturmgewehrs haben mich ebenfalls nicht umgebracht. Als «Atömler» bei der Schweizer Armee durfte ich auf einen radioaktiv markierten Parcours, bewaffnet mit einem Geigerzähler. Wir waren damals stolz, endlich auf dem Dosimeter was ablesen zu können. Die Panik wird bewusst oder unbewusst mit Grenzwerten geschürt. Grenzwerte sind Vermutungen, die man für eine Population anstellt, in der Praxis haben sie wenig mit der Auswirkung auf den einzelnen Menschen zu tun. Zudem werden sie auf dem Schreibtisch erfunden und sind bloss Konsens von Regulatoren, von denen sich keiner vorwerfen lassen will, etwas heruntergespielt zu haben. Man versucht die Dosen nach dem Prinzip ALARA (As Low As Reasonably Achievable) so klein zu halten, wie dies «vernünftigerweise» möglich ist. Doch was ist schon vernünftig? Auch in der Wissenschaft sind die Grenzen zwischen Vernunft und Hysterie fliessend. Ein Grenzwert ist kein Schritt in den leeren Abgrund. Die mittlere Jahresdosis der Strahlen belastung in der Schweiz beträgt etwa 4 Milli sievert. Etwas weniger als 1 Millisievert stammt von der Strahlung aus Weltraum und Erdboden. Da ich diesen Artikel in den Walliser Bergen schreibe, sind solche Mittelwerte blanker Hohn. Um mich herum ist die Radioaktivität höher, als sie bislang in Tokio wegen des Super-GAUs gemessen wurde. Allein wegen des radioaktiven Radons gibt es einzelne Regionen in den Alpen und im Jura, wo bis zu 150 Millisievert jährlich anfallen. Da liest sich eine Schreckensmeldung aus Japan ganz anders: «Drei Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima radioaktiv verstrahlt. Die Arbeiter waren in Fukushima 180 Millisievert ausgesetzt» (Focus online am 24. 3. 11). Von der mittleren Jahresdosis entfällt etwa 1 Millisievert auf medizinische Anwendungen. Wer kürzlich eine PET- oder Computer tomo- grafie-Behandlung über sich ergehen lassen musste, hat unter Umständen 10 Millisievert abgekriegt. In den Anfängen der Radiotherapie mit Jod-131 für die Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen konnte man mit einem Geigerzähler an die Aare stehen und feststellen, wann ein Patient im Inselspital gepinkelt hatte. Solche Patienten strahlen heute noch beachtlich nach einer Therapie, weshalb man sie erst aus dem Spital entlässt, wenn die Dosisleistung in einem Meter Abstand höchstens 5 Mikrosievert pro Stunde beträgt.Jedes Lebewesen kann mit natürlicher und künstlicher Radioaktivität umgehen. Unser Körper hat für die schädliche Auswirkung der Strahlung verschiedene Reparatursysteme. Jeder weiss, dass ein Sonnenbrand Krebs auslösen kann. Das kann auch eine Röntgenaufnahme. Es muss aber nicht dazu führen. Märchen über Langzeitschäden Das Szenario, das uns erwartet, ist absehbar. Nachdem die Japaner die gröbste radioaktive Sauerei aufgeräumt, Landwirtschaft und Fischereizonen ausgegrenzt und die wenigen Strahlenopfer behandelt haben, wird die Kampagne der Wundergläubigen beginnen. Man wird mit dem Märchen der Langzeitschäden durch extrem niedrige Strahlung Politik machen. Irgendein Clown wird im Herbst erhöhtes Cäsium-137 in Pilzen messen. Da Pilzsammler normale Menschen sind, werden sie sich vor «leuchtenden» Pilzen fürchten, genauso wie sie sich vor Genfood ängstigen und ihre Ängste mit Globuli behandeln, in denen nichts drin ist. Die 20 000 realen Tsunami-Opfer werden von imaginären Legionen hypothetischer Strahlenopfer verdrängt. Die Rettung des Planeten scheint wichtiger als der Schutz von Menschenleben. Die pseudowissenschaftliche Wahrsagerei wird virtuelle Friedhöfe füllen: Zehntausenden von prognostizierten BSE-Opfern und Passivrauchtoten, die es nie gegeben hat, werden Legionen von erfundenen Krebsopfern folgen. Ein Beispiel aus einer BAG-Broschüre: «Durch Extrapolation kann beispielsweise abgeschätzt werden, dass die Dosen, welche durch Tschernobyl verursacht wurden, in der Schweiz für die nächste Generation die Krebssterblichkeit um ca. 0,1 Promille erhöhen. Eine solch kleine Erhöhung macht sich nicht bemerkbar, weil sie innerhalb der natürlichen Streubreite liegt.» Wie war das genau? Man kann es einfacher sagen: Eine vermeintliche Erhöhung, die im statistischen Streubereich liegt, ist keine Erhöhung. Beda M. Stadler ist Professor für Immunologie an der Universität Bern.

link: Rauchzeichen über Fukushima | Die Weltwoche, Ausgabe 13/2011 | www.weltwoche.ch

link: Nichts ist, wie es scheint - News Ausland: Amerika - tagesanzeiger.ch


Sonntag, 30. Januar 2011

Der «Davos Man» leidet unter einem Globalisierungs-Burnout

NZZ E-Paper - Die digitalen Ausgaben der NZZGoogle

Die globale Wirtschaftselite ist auf dem Rückzug. Die Politik hat Oberwasser und denkt zunehmend wieder national, schreibt Felix E. Müller

Es soll der verstorbene amerikanische Politologe Samuel Huntington gewesen sein, der im Jahr 2004 den Begriff «Davos Man» geprägt hat. Er bezeichnete damit den idealtypischen Besucher des World Economic Forum (WEF): ein gut gebildeter, weisser Mann mittleren Alters vorwiegend amerikanischer Herkunft, dem nationale Loyalitäten wenig bedeuten, der nationale Grenzen als Hindernis betrachtet und Regierungen als überflüssig; deren einzige Funktion sei es noch, dem «Davos Man» das Funktionieren zu ermöglichen - etwa durch die Organisation des Polizeischutzes am WEF.

Die eigentliche Verkörperung des «Davos Man» war der Investmentbanker, der - möglichst unbehelligt von der Politik - ruhelos die Welt durchstreifte auf der Suche nach immer grösseren Deals mit immer höheren Gewinnen. In Davos traf sich die Spezies jeweils zum jährlichen Klassentreffen. Sie figurierten prominent auf den Podien und erteilten der Welt Ratschläge, wie die Wirtschaft zu regeln, die Firmen zu führen und die Staaten zu organisieren seien. Das argumentative Rüstzeug lieferte ihnen die Chicagoer Ökonomenschule mit ihrem Vertrauen auf die Effizienz der Märkte. Schienen nicht die eigenen Erfolge den Denkansatz zu bestätigen?

Noch im Jahre 2005 dominierten Investmentbanker die Gespräche und Podien in Davos. Dazu stritten sie sich mit den Europäern über die Regierung George W. Bush und den Irakkrieg, und zwar mit einiger Leidenschaft, was die anwesenden Chinesen und Inder verwundert beobachteten.

Dann kam der Crash. Die Wirtschaftskrise stellte viele bisherige Gewissheiten in Frage. Vor allem der Investmentbanker verlor mitsamt seinen Rezepten die bisherige Wertschätzung als Experte für Wirtschaftsführung und Regierungskunst. Er hörte auf, nach Davos zu kommen, oder vermied es zumindest sorgfältig, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Er stand ja im Verdacht, dass das Ethos der Globalisierung am Ende vor allem den privaten pekuniären Interessen des «Davos Man» gedient hat.

An seiner Stelle übernahmen die Politiker die Davoser Debatten. Unter einem dünnen Firnis von Globalisierung kamen rasch die nationalen Gefühle der Bevölkerungen wieder zum Vorschein. Jedenfalls teilten sie den Globalisierungs-Enthusiasmus des «Davos Man» nicht länger. Im Gegenteil: Angela Merkel sagte in ihrer Rede in Davos, die Wirtschaftskrise habe «die Handlungsfähigkeit der Politik bewiesen». Was sie meinte: Die Banker haben den Brand entfacht, wir Politiker mussten ihn löschen. Was sie verschwieg, ist die Tatsache, dass die Politiker den Bankern das Brennmaterial zur Verfügung gestellt hatten.

Die Politiker müssen jedoch mit den politischen Konsequenzen dieser grössten Löschaktion aller Zeiten leben. Es sind die Bürger, die mit Steuergeldern für die Bankensanierung aufkommen mussten, die jetzt die Konsequenzen der Sparprogramme zu erdulden haben, die mehr Jobs fordern und sich in ihrem Frust populistischen Bewegungen anschliessen.

Jetzt ist politisches Überleben gefragt. Da nützen die globalen Ideale nur noch wenig. Finanzmärkte, Freihandel, Immigration, Wechselkurse, Hilfspakete, Schuldenabbau - all
diese Themen der Krisenbewältigung werden zunehmend aus nationaler Perspektive beurteilt. «Was muss ich machen, dass mein Land und dass ich selber als Politiker überlebe?», heisst die bange Frage, welche die Regierungschefs von London über Paris, von Berlin über Madrid bis Washington stellen. Globale Koordination ist da sekundär. Anders gesagt: Die Globalisierung wird von den nationalen Interessen überdeckt. Auch hier fand Angela Merkel in Davos eine Formulierung, die viel sanfter tönt als gemeint: Die Globalisierung müsse künftig so interpretiert werden, dass man «Politik für die Menschen zu Hause macht». Nur ein Politiker vermag da noch von Globalisierung zu sprechen.

So wie Merkel denken heute viele, an erster Stelle aber die Exponenten aus dem Geburtsland des «Davos Man», den USA. Sie sinnierten im Landwassertal darüber nach, wie das eigene Land seine riesigen Probleme am besten lösen könnte - im schmerzlichen Bewusstsein des Bedeutungsverlusts, den man mit der Finanzkrise erfahren hat. Mit Interesse hörten sie den Rezepten anderer Staaten zu.

Wie hatte der «Davos Man» noch 2005 über diese gespottet. Jetzt ist alles anders. Huntingtons These von der wachsenden Bedeutungslosigkeit des Nationalen, die er anhand des WEF entwickelte, hat viel von ihrem Glanz eingebüsst. Das Nationale lässt sich offensichtlich nicht so rasch ausrotten. Einer der WEF-Gäste hat das allerdings schon immer gewusst. Er kommt zwar immer häufiger nach Davos, aber er fühlte sich nie als «Davos Man». Denn er fragt immer ganz nüchtern: Was nützt es China?