Sonntag, 30. Januar 2011

Der «Davos Man» leidet unter einem Globalisierungs-Burnout

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Die globale Wirtschaftselite ist auf dem Rückzug. Die Politik hat Oberwasser und denkt zunehmend wieder national, schreibt Felix E. Müller

Es soll der verstorbene amerikanische Politologe Samuel Huntington gewesen sein, der im Jahr 2004 den Begriff «Davos Man» geprägt hat. Er bezeichnete damit den idealtypischen Besucher des World Economic Forum (WEF): ein gut gebildeter, weisser Mann mittleren Alters vorwiegend amerikanischer Herkunft, dem nationale Loyalitäten wenig bedeuten, der nationale Grenzen als Hindernis betrachtet und Regierungen als überflüssig; deren einzige Funktion sei es noch, dem «Davos Man» das Funktionieren zu ermöglichen - etwa durch die Organisation des Polizeischutzes am WEF.

Die eigentliche Verkörperung des «Davos Man» war der Investmentbanker, der - möglichst unbehelligt von der Politik - ruhelos die Welt durchstreifte auf der Suche nach immer grösseren Deals mit immer höheren Gewinnen. In Davos traf sich die Spezies jeweils zum jährlichen Klassentreffen. Sie figurierten prominent auf den Podien und erteilten der Welt Ratschläge, wie die Wirtschaft zu regeln, die Firmen zu führen und die Staaten zu organisieren seien. Das argumentative Rüstzeug lieferte ihnen die Chicagoer Ökonomenschule mit ihrem Vertrauen auf die Effizienz der Märkte. Schienen nicht die eigenen Erfolge den Denkansatz zu bestätigen?

Noch im Jahre 2005 dominierten Investmentbanker die Gespräche und Podien in Davos. Dazu stritten sie sich mit den Europäern über die Regierung George W. Bush und den Irakkrieg, und zwar mit einiger Leidenschaft, was die anwesenden Chinesen und Inder verwundert beobachteten.

Dann kam der Crash. Die Wirtschaftskrise stellte viele bisherige Gewissheiten in Frage. Vor allem der Investmentbanker verlor mitsamt seinen Rezepten die bisherige Wertschätzung als Experte für Wirtschaftsführung und Regierungskunst. Er hörte auf, nach Davos zu kommen, oder vermied es zumindest sorgfältig, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Er stand ja im Verdacht, dass das Ethos der Globalisierung am Ende vor allem den privaten pekuniären Interessen des «Davos Man» gedient hat.

An seiner Stelle übernahmen die Politiker die Davoser Debatten. Unter einem dünnen Firnis von Globalisierung kamen rasch die nationalen Gefühle der Bevölkerungen wieder zum Vorschein. Jedenfalls teilten sie den Globalisierungs-Enthusiasmus des «Davos Man» nicht länger. Im Gegenteil: Angela Merkel sagte in ihrer Rede in Davos, die Wirtschaftskrise habe «die Handlungsfähigkeit der Politik bewiesen». Was sie meinte: Die Banker haben den Brand entfacht, wir Politiker mussten ihn löschen. Was sie verschwieg, ist die Tatsache, dass die Politiker den Bankern das Brennmaterial zur Verfügung gestellt hatten.

Die Politiker müssen jedoch mit den politischen Konsequenzen dieser grössten Löschaktion aller Zeiten leben. Es sind die Bürger, die mit Steuergeldern für die Bankensanierung aufkommen mussten, die jetzt die Konsequenzen der Sparprogramme zu erdulden haben, die mehr Jobs fordern und sich in ihrem Frust populistischen Bewegungen anschliessen.

Jetzt ist politisches Überleben gefragt. Da nützen die globalen Ideale nur noch wenig. Finanzmärkte, Freihandel, Immigration, Wechselkurse, Hilfspakete, Schuldenabbau - all
diese Themen der Krisenbewältigung werden zunehmend aus nationaler Perspektive beurteilt. «Was muss ich machen, dass mein Land und dass ich selber als Politiker überlebe?», heisst die bange Frage, welche die Regierungschefs von London über Paris, von Berlin über Madrid bis Washington stellen. Globale Koordination ist da sekundär. Anders gesagt: Die Globalisierung wird von den nationalen Interessen überdeckt. Auch hier fand Angela Merkel in Davos eine Formulierung, die viel sanfter tönt als gemeint: Die Globalisierung müsse künftig so interpretiert werden, dass man «Politik für die Menschen zu Hause macht». Nur ein Politiker vermag da noch von Globalisierung zu sprechen.

So wie Merkel denken heute viele, an erster Stelle aber die Exponenten aus dem Geburtsland des «Davos Man», den USA. Sie sinnierten im Landwassertal darüber nach, wie das eigene Land seine riesigen Probleme am besten lösen könnte - im schmerzlichen Bewusstsein des Bedeutungsverlusts, den man mit der Finanzkrise erfahren hat. Mit Interesse hörten sie den Rezepten anderer Staaten zu.

Wie hatte der «Davos Man» noch 2005 über diese gespottet. Jetzt ist alles anders. Huntingtons These von der wachsenden Bedeutungslosigkeit des Nationalen, die er anhand des WEF entwickelte, hat viel von ihrem Glanz eingebüsst. Das Nationale lässt sich offensichtlich nicht so rasch ausrotten. Einer der WEF-Gäste hat das allerdings schon immer gewusst. Er kommt zwar immer häufiger nach Davos, aber er fühlte sich nie als «Davos Man». Denn er fragt immer ganz nüchtern: Was nützt es China?


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