Donnerstag, 31. März 2011

Rauchzeichen über Fukushima

Im Minutentakt der Live-Ticker überbieten sich die Medien mit Schreckensmeldungen aus Fukushima. Der GAU wird zum Super-GAU und weiter zum Mega-GAU hochgestemmt. Unwissen über die Radioaktivität hilft bei der inszenierten Panikmache. Von Beda M. Stadler


Fukushima hat nichts, aber auch gar nichts an der Realität verändert. Es gibt keine neuen Erkenntnisse, ausser dass Politiker wesentlich grössere Wendehälse sind, als die bösesten Zungen je behauptet haben. Es ist alles beim Alten geblieben. Jeder Schweizer im Umkreis eines Atomkraftwerks hat bereits vor Jahren Jodtabletten, sozusagen Trostpillen, nach Hause geschickt bekommen. Damit hat mir der Staat klipp und klar mitgeteilt, dass auch in der Umgebung von Mühleberg eine Verstrahlung möglich ist. Jeder musste realisieren: Jodtabletten sind das Eingeständnis, dass man sich auf einen GAU vorbereitet, weil er zwar unwahrscheinlich, aber möglich ist. Die Frage ist: Wie hoch ist die Gefahr, was sind die Folgen? In Japan ist eingetreten, was man befürchten musste. Fukushima belegt zudem einmal mehr, dass unser Gehirn nicht nüchtern mit Risiken umgehen kann. Da Angst die Mutter jeder Religion ist, wird unsere Energiepolitik in Zukunft wohl auf der Basis von Wunderglauben gemacht. Neu ist, dass über einen GAU wie über einen Sportanlass berichtet wird. Newsticker jagen nach neuen Rekorden. Weil das Erdbeben und der Tsunami fataler waren als der nukleare GAU, musste der «Super-GAU» her. Das ist so, als würden sich Christen auf den Allerjüngsten statt auf den Jüngsten Tag freuen. Beten für Atheisten Der Papst mochte bei der Untergangsstimmung nicht abseitsstehen. Als einer der Ersten hat er dem japanischen Volk sein Beileid ausgedrückt und versprochen, für die Japaner zu beten. Dabei hätte er doch wissen müssen, dass dieses Volk zu achtzig Prozent aus Atheisten besteht, die sich selber helfen werden. Wissenschaftlich betrachtet ist das vernünftig, denn Beten hilft vor allem zur Steigerung des eigenen Wohlgefühls. Nichts gegen Religion. Aber sie hat in der Politik und erst recht in der Wissenschaft nichts verloren. Wie bei den Paptstwahlen starren die Reporter gebannt auf die Kernreaktoren von Fuku- shima. Ein aufsteigendes schwarzes Räuchlein wird als Vorbote für den Mega-GAU gedeutet (der Super-GAU war die erste Halbzeit), während der weisse Rauch über einem Reaktor eine kurze Pause bietet, um zu sehen, wie viel es im Spiel «Gaddafi gegen die Demokratie» steht. Nachdem der Mega-GAU nicht eintreten wollte, wurde die steigende Radioaktivität in Tokio zum Kulmina tionspunkt. Da unser Gehirn mit fremdem, durch den Tsunami verursachtem Leid nicht umgehen kann, symbolisierten die paar Becquerel in Tokio: Von nun an geht es um unser eigenes Leid. «Espresso», die offiziöse radiophone Sammelstelle für unbegründete Konsumentenängste, machte sich umgehend Sorgen um Importe radioaktiver Nahrungsmittel aus Japan. Mit der Radioaktivität stieg die Scheinheiligkeit. Die deutsche Bundeskanzlerin meinte: «Jawohl, wir wissen, dass wir auch ein Stück weit in Gottes Hand sind.» Wer nicht Physik studiert hat, wurde durch die verwirrenden Einheiten der Messwerte verunsichert. Wer sich früher noch vor einem Curie fürchtete, überschätzt möglicherweise ein Becquerel, unwissend, dass es 37 Milliarden Becquerel braucht, um gleich stark zu strahlen wie ein Curie. Einmal waren es Milli- dann wieder Mikro- oder sogar Nano-Einheiten, egal ob veraltet oder neu eingeführt. Die Röntgen, Rad, Rem und Gray wurden durcheinandergewirbelt wie die sieben Todsünden. Und weil es beim Sündigen mehr auf die Art des Vergehens als auf die Anzahl ankommt, hat man oft vergessen, die Strahlung mit einer Zeitangabe zu verknüpfen. Wurden Halbwertszeiten erwähnt, dann mit Vorliebe jene, die über unsere eigene Menschheitsgeschichte hinausreichen. Das Plutonium eignet sich besonders gut für Verwirrspiele, variiert seine Halbwertszeit doch je nach Isotop zwischen 45 Tagen (Plutonium 237) und 80 Millionen Jahren (Plutonium 244). Dazu muss man wissen, dass ausgerechnet Letzteres auch in der Natur vorkommt. Eine Verseuchung mit Plutonium schafft langwierige Probleme, die aber meist lokal beschränkt sind. Ein extrem hohes spezifisches Gewicht hindert das Plutonium an der Verbreitung; gelangt der Stoff ins Meer, wird es schon nach wenigen Kilometern auf eine ungefährliche Konzentration verdünnt. Journalistische Schreckpetarden Grund genug für unsere Botschafter, nach Osaka zu flüchten. Zur Beruhigung: Ihnen drohte zu keiner Zeit der Heldentod. Die Radioaktivität in Tokio war zwar damals bereits doppelt so hoch wie normalerweise. Die Feststellung, dass die Radioaktivität doppelt so hoch, drei- oder auch zehnmal höher sei als der Normalwert, ist eine journalistische Schreckpetarde. Für viele Menschen ist Radioaktivität etwas Magisch-Dämonisches, gefährlich wie Genfood. Nüchterne Information gibt es, etwa in einer Broschüre des Bundesamtes für Gesundheit (BAG): «Der menschliche Körper enthält Kalium. Es wird durch die Nahrung aufgenommen und vom Körper wieder ausgeschieden. Ein geringer Teil der Kalium-Atome ist radioaktiv, nämlich das Kalium-40. Die Aktivität im Körper beträgt ca. 5000 Bq, das heisst, pro Sekunde zerfallen in unserem Körper etwa 5000 Kalium-40-Atomkerne unter Aussendung von Beta- und Gammastrahlung. Dies führt zu einer inneren Bestrahlung.» Abgesehen davon, dass in unserem Körper ja nicht nur Kalium vorkommt, sondern ein Grossteil der Atome aus der Periodentabelle (die in jedem Schulzimmer hängen sollte) und somit viele weitere Isotope, kann sich jeder selber ausmalen: In unserem Körper strahlt es ständig. Jene, die zu Mahnwachen aufrufen, mag es besonders schockiert haben, dass in einer Wasseraufbereitungsanlage in Tokio erhöhte Werte von radioaktivem Jod-131 fest gestellt wurden.Da 210 Becquerel pro Liter gemessen wurden und der Grenzwert des japanischen Gesundheitsministeriums für Babys bei 100 Becquerel pro Liter festgesetzt wurde, schien der Mega-GAU sich zu bewahrheiten. Die Furcht ist unbegründet. Wer die bereits erwähnten, vom BAG gemessenen natürlichen 5000 Becquerel von Kalium-40 in unserem Körper in Erinnerung hat, kann sich entspannen. In Deutschland wäre das «vergiftete» Wasser von Tokio übrigens normales Trinkwasser gewesen. Dort liegt der Grenzwert bei 370 Becquerel pro Liter. Die zurzeit betriebene Panikmache ist verantwortungslos. Ich sage dies als Über lebender von zahlreichen Anproben in Schuh geschäften, die früher noch Röntgengeräte besassen, mit denen man die Zehenknochen sich im Schuh bewegen sah wie lebende Erdnüsse. Die radioaktiven Ziffern meiner Armbanduhr und das Nachtvisier meines Sturmgewehrs haben mich ebenfalls nicht umgebracht. Als «Atömler» bei der Schweizer Armee durfte ich auf einen radioaktiv markierten Parcours, bewaffnet mit einem Geigerzähler. Wir waren damals stolz, endlich auf dem Dosimeter was ablesen zu können. Die Panik wird bewusst oder unbewusst mit Grenzwerten geschürt. Grenzwerte sind Vermutungen, die man für eine Population anstellt, in der Praxis haben sie wenig mit der Auswirkung auf den einzelnen Menschen zu tun. Zudem werden sie auf dem Schreibtisch erfunden und sind bloss Konsens von Regulatoren, von denen sich keiner vorwerfen lassen will, etwas heruntergespielt zu haben. Man versucht die Dosen nach dem Prinzip ALARA (As Low As Reasonably Achievable) so klein zu halten, wie dies «vernünftigerweise» möglich ist. Doch was ist schon vernünftig? Auch in der Wissenschaft sind die Grenzen zwischen Vernunft und Hysterie fliessend. Ein Grenzwert ist kein Schritt in den leeren Abgrund. Die mittlere Jahresdosis der Strahlen belastung in der Schweiz beträgt etwa 4 Milli sievert. Etwas weniger als 1 Millisievert stammt von der Strahlung aus Weltraum und Erdboden. Da ich diesen Artikel in den Walliser Bergen schreibe, sind solche Mittelwerte blanker Hohn. Um mich herum ist die Radioaktivität höher, als sie bislang in Tokio wegen des Super-GAUs gemessen wurde. Allein wegen des radioaktiven Radons gibt es einzelne Regionen in den Alpen und im Jura, wo bis zu 150 Millisievert jährlich anfallen. Da liest sich eine Schreckensmeldung aus Japan ganz anders: «Drei Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima radioaktiv verstrahlt. Die Arbeiter waren in Fukushima 180 Millisievert ausgesetzt» (Focus online am 24. 3. 11). Von der mittleren Jahresdosis entfällt etwa 1 Millisievert auf medizinische Anwendungen. Wer kürzlich eine PET- oder Computer tomo- grafie-Behandlung über sich ergehen lassen musste, hat unter Umständen 10 Millisievert abgekriegt. In den Anfängen der Radiotherapie mit Jod-131 für die Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen konnte man mit einem Geigerzähler an die Aare stehen und feststellen, wann ein Patient im Inselspital gepinkelt hatte. Solche Patienten strahlen heute noch beachtlich nach einer Therapie, weshalb man sie erst aus dem Spital entlässt, wenn die Dosisleistung in einem Meter Abstand höchstens 5 Mikrosievert pro Stunde beträgt.Jedes Lebewesen kann mit natürlicher und künstlicher Radioaktivität umgehen. Unser Körper hat für die schädliche Auswirkung der Strahlung verschiedene Reparatursysteme. Jeder weiss, dass ein Sonnenbrand Krebs auslösen kann. Das kann auch eine Röntgenaufnahme. Es muss aber nicht dazu führen. Märchen über Langzeitschäden Das Szenario, das uns erwartet, ist absehbar. Nachdem die Japaner die gröbste radioaktive Sauerei aufgeräumt, Landwirtschaft und Fischereizonen ausgegrenzt und die wenigen Strahlenopfer behandelt haben, wird die Kampagne der Wundergläubigen beginnen. Man wird mit dem Märchen der Langzeitschäden durch extrem niedrige Strahlung Politik machen. Irgendein Clown wird im Herbst erhöhtes Cäsium-137 in Pilzen messen. Da Pilzsammler normale Menschen sind, werden sie sich vor «leuchtenden» Pilzen fürchten, genauso wie sie sich vor Genfood ängstigen und ihre Ängste mit Globuli behandeln, in denen nichts drin ist. Die 20 000 realen Tsunami-Opfer werden von imaginären Legionen hypothetischer Strahlenopfer verdrängt. Die Rettung des Planeten scheint wichtiger als der Schutz von Menschenleben. Die pseudowissenschaftliche Wahrsagerei wird virtuelle Friedhöfe füllen: Zehntausenden von prognostizierten BSE-Opfern und Passivrauchtoten, die es nie gegeben hat, werden Legionen von erfundenen Krebsopfern folgen. Ein Beispiel aus einer BAG-Broschüre: «Durch Extrapolation kann beispielsweise abgeschätzt werden, dass die Dosen, welche durch Tschernobyl verursacht wurden, in der Schweiz für die nächste Generation die Krebssterblichkeit um ca. 0,1 Promille erhöhen. Eine solch kleine Erhöhung macht sich nicht bemerkbar, weil sie innerhalb der natürlichen Streubreite liegt.» Wie war das genau? Man kann es einfacher sagen: Eine vermeintliche Erhöhung, die im statistischen Streubereich liegt, ist keine Erhöhung. Beda M. Stadler ist Professor für Immunologie an der Universität Bern.

link: Rauchzeichen über Fukushima | Die Weltwoche, Ausgabe 13/2011 | www.weltwoche.ch

link: Nichts ist, wie es scheint - News Ausland: Amerika - tagesanzeiger.ch


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