Sonntag, 19. Juni 2011

«Wir machen unser Glück» nzz am sonntag 19.6.2011

«Wir machen unser Glück»
Er ist einer der bekanntesten und umstrittensten Psychologen in Grossbritannien: Richard Wiseman erzählt, warum Pechvögel selber für ihr Pech verantwortlich sind, wie Pessimisten in nur drei Monaten zu Optimisten werden - und wie man sein Glück am besten schmiedet
NZZ am Sonntag: Sie haben zehn Jahre lang die Leben von 1000 Glückskindern und Pechvögeln untersucht. Was haben Sie gelernt dabei?
Richard Wiseman: Dass die Menschen ihr Glück und ihr Pech zu einem grossen Teil selber herstellen.
Wie muss man sich das vorstellen?
Menschen, die besonders viel Glück haben im Leben, verhalten sich anders als Pechvögel. Sie sind zum Beispiel viel optimistischer. Sie erwarten, dass die Dinge gut laufen, und das wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Und wenn Glückskinder einmal scheitern, nehmen sie ihr Scheitern anders wahr, sie finden es nicht so schlimm und rappeln sich schneller wieder auf.
Sie schreiben, dass man die Chancen auf einen glücklichen Zufall selber vergrössern kann. Wie denn?
In den Befragungen sahen wir, dass die Personen mit viel Glück im Leben doppelt so viele Menschen kennen wie jene, die wenig Glück haben. Mehr Leute zu kennen, heisst, mehr Chancen zu haben. Pechvögel tendieren dazu, isolierter zu leben, sie haben nicht so viele Beziehungen. Einige der Glückskinder erzählten uns von Strategien, wie sie die Chancen in ihrem Leben aktiv vergrössern: Sie fahren zum Beispiel immer wieder auf anderen Wegen zur Arbeit oder unterhalten sich an Partys gezielt mit Personen, mit denen sie normalerweise nicht sprechen würden.
Was kann jemand tun, der vom Pech verfolgt ist?
Mein Buch lesen.
Wie bescheiden.
Wir haben Übungen entwickelt, mit denen man sein Denken und Tun ändern kann. Pechvögel tendieren dazu, sich auf die schlimmen Ereignisse zu fokussieren, die sie erleben. Da hilft eine einfache Übung: ein Glückstagebuch. Wenn man am Ende jedes Tages ein positives Erlebnis aufschreibt, egal, wie trivial oder klein es sein mag, dann beginnt man sich etwa nach einer Woche auf diese positiven Erlebnisse zu fokussieren. Das ist eine simple Intervention, hat aber eine grosse Wirkung.
Man kann so einfach seine Persönlichkeit verändern?
Seine Persönlichkeit zu verändern, ist sehr schwierig. Es ist für eine introvertierte Person fast nicht möglich, extrovertiert zu werden. Andere Dinge wie unsere Einstellungen und Überzeugungen lassen sich dagegen viel einfacher verändern. Es braucht nur etwa drei Monate, um aus einem Pessimisten einen Optimisten zu machen.
Schliesslich sagen Sie nichts anderes, als dass jeder für sein eigenes Glück oder Pech verantwortlich ist. Das ist eine schwere Bürde.
Ja. Aber ich denke, dass jeder diese Bürde tragen muss. Es gibt natürlich Ausnahmen, Unfälle und Krankheiten, die wir nicht kontrollieren können. Aber viele Dinge, die wir Glück oder Pech nennen, sind von unserem Verhalten und unseren Überzeugungen gesteuert. Und vor allem davon, wie wir auf ein Ereignis reagieren. Wenn man die Tagebücher der Glückspilze und Pechvögel anschaut, dann trifft man dort auf dieselben Geschehnisse. Aber die Glückspilze haben die Ereignisse völlig anders wahrgenommen. Sie fallen die Treppe hinunter und brechen ihr Bein, denken aber: Oh, es hätte schlimmer kommen können, ich hätte mir das Genick brechen können.
Warum ist unsere Gesellschaft so besessen vom eigenen Glück?
Diese Obsession nimmt tatsächlich zu. Aber ich halte es für eine ziemlich dumme Idee, nur das Glück zum Ziel zu haben. Natürlich kann man Dinge tun, um sich selber glücklich zu machen. Aber es sollte nicht der Sinn des Lebens sein, sich zu bemühen, glücklich zu werden.
Früher gingen Studenten für die Politik auf die Strasse - heute suchen sie vor allem sich selber.
In den 1960er Jahren ging es um die anderen Menschen. Bei der ganzen New-Age-Bewegung drehte sich dann alles nur noch um die eigene Person, um die Selbstfindung. Diesen Fokus auf das «Ich» finde ich sehr bizarr. Und ich halte ihn auch für kontraproduktiv. Wenn man die Sprache von depressiven Personen anschaut, dann sprechen diese viel mehr über sich selber als die nichtdepressiven, das Wort «ich» taucht sehr oft auf. Wenn man also jemandem sagt, er soll sich auf sich selber konzentrieren, kann das dazu führen, dass alles nur noch schlimmer wird.
In Daniel Kehlmanns Roman «Die Vermessung der Welt» fragt sich der Mathematiker Gauss: Macht mich das Glück dumm?
Das wäre eine interessante Untersuchung: Sind dumme Leute glücklicher? Es wäre auch spannend zu wissen, ob sich Menschen eher für das Glück oder die Intelligenz entscheiden würden. Viele Künstler wollen ja geradezu unglücklich sein, weil sie es für einen kreativeren Zustand halten. Da haben sie vielleicht recht. Auf jeden Fall ist diese Idee, dass man nur positive Emotionen erleben will, sehr seltsam. Und das ist sicher nicht die Botschaft meiner Bücher.
Als Teenager waren Sie einer der jüngsten Profi-Zauberer von Grossbritannien. Warum haben Sie aufgehört?
Zaubern klingt spannend, aber es ist wohl die langweiligste Art, den Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt nur eine gewisse Anzahl an Kartentricks. Und wenn man die mehrere hundert Mal vorgeführt hat, ist es nicht mehr so interessant. Ich zauberte mehrere Jahre professionell, und dabei begann ich mich für die Psychologie dahinter zu interessieren.
Bald darauf befassten Sie sich mit der Frage, warum Menschen Geister sehen. Was interessiert Sie daran?
In einer Bibliothek ist die Zauber-Abteilung gleich neben der Geister-Abteilung - weil es die gleichen Leute sind, die sich dafür interessieren. Leute, die nicht oft rausgehen und nicht viele Freunde haben.
Wie Sie?
Absolut, ja. Wenn man zaubert, braucht man viel Zeit zum Üben. Jeder Zauberer weiss, was Einsamkeit heisst. Und ich liebe Rätsel, die Idee, dass es eine Erklärung für ein Phänomen geben muss. Ich möchte demnächst ein künstliches Geisterhaus bauen. Mit technischen Einrichtungen wie Ultraschall oder feinen Luftzügen will ich herausfinden, was die Ursachen von Geister-Erscheinungen sind.
Ihre Professur nennt sich «Public Understanding of Psychology». Was ist eigentlich Ihr Auftrag?
Es geht darum, Methoden und Resultate der Psychologie der breiten Bevölkerung bekannt zu machen. Dazu schreibe ich Bücher, halte Vorträge und gestalte TV-Sendungen. Alles, was publikumswirksam ist. Akademische Publikationen sind oft schwierig zu lesen, und es gibt viele davon. Ein Teil meiner Aufgabe ist es also, diese Masse an Literatur zu untersuchen, eine vernünftige Schlussfolgerung daraus zu ziehen und diese der Öffentlichkeit zu erzählen. Eine heikle Aufgabe, viele Akademiker machen das nicht gerne. Man muss ein Gleichgewicht finden zwischen Wissenschaftlichkeit und Einfachheit.
Ihre Arbeit wird als Pop-Science kritisiert, jemand nannte Sie einmal «Santa Claus der Wissenschaft».
Oh, das gefällt mir, das habe ich noch nie gehört. Was er wohl damit meinte? Dass ich nur an einem Tag im Jahr arbeite?
Dass Sie lustige Sachen mitbringen?
Ja, vielleicht. Ich mag das. Wenn man in der Kommunikation arbeitet, muss man Aufmerksamkeit erzeugen. Wenn man nur das tut, was Wissenschafter tun, dann sind die Leute gelangweilt und verlieren das Interesse. Man muss zwar immer einen Preis dafür zahlen, wenn man etwas vereinfacht. Auf der anderen Seite aber müssen die Wissenschafter realisieren, dass sie von der Öffentlichkeit finanziert werden. Wenn ihre Einstellung lautet, «wir erzählen euch nicht, was wir tun», dann erhalten sie vielleicht irgendwann einmal keine Steuergelder mehr.Interview: Simone Schmid

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