Sonntag, 14. August 2011

Pharma bezahlt Schreibhilfe für Ärzte

Mediziner lassen ihre Fachartikel häufig von spezialisierten Agenturen verfassen und von der Industrie finanzieren. Nicht immer wird dieses Sponsoring eindeutig deklariert. Von Patrick Imhasly
Publiziere, oder du gehst unter. Diese unerbittliche Regel gilt für jeden, der eine wissenschaftliche Karriere anstrebt. Doch wer als Arzt in einem Unispital rund um die Uhr für seine Patienten da sein muss, findet oft kaum die Zeit, die Ergebnisse seiner Forschung auszuwerten und in einem Fachjournal zu veröffentlichen. Da ist Hilfe höchst willkommen.
Von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, ist es inzwischen gang und gäbe, dass Mediziner ihre Fachartikel nicht von A bis Z selbst schreiben. Vielmehr lassen sie ihre Studien von spezialisierten Agenturen verfassen oder überarbeiten, die dafür hoch qualifizierte Biologen, Chemiker oder Pharmakologen als «Medical Writers» beschäftigen. «Mein Arzt soll sich um mich kümmern können und nachts nicht noch schreiben müssen, das erledigen Profis besser», sagt Françoise Rampelberg. Seit 1997 leitet sie in Zofingen die archimed Medical Communication ag, eine Agentur für medizinische Kommunikation mit rund 20 Angestellten.
«Unglaublich aufpassen»
Oft wird die «redaktionelle Unterstützung», wie es im Branchenjargon heisst, von der Pharmaindustrie finanziert. Problematisch kann das dann werden, wenn dieses Sponsoring nicht eindeutig deklariert wird. «Man muss unglaublich aufpassen, dass nicht Studien publiziert werden, die mehr oder weniger von der Industrie geschrieben wurden», sagt der emeritierte Professor für Innere Medizin Rolf Streuli. Als Redaktor der Fachzeitschrift «Schweizerisches Medizin-Forum» lehnt er zusammen mit seinen Kollegen jedes Jahr ein halbes Dutzend Manuskripte ab, weil dort die Zusammenarbeit mit der Industrie nicht oder zu wenig transparent gemacht wurde.
Für das Sponsoring und die Bearbeitung medizinischer Artikel durch spezialisierte Agenturen gibt es Regeln. Falls die Industrie als Sponsor einer Studie auftritt, muss das in einem Absatz in der Publikation erwähnt werden. Und die Richtlinien des Internationalen Komitees der Editoren Medizinischer Journale (ICMJE) definieren, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit jemand als Autor einer Studie genannt werden darf oder nur als Unterstützer gilt. Die Hilfe von Unterstützern wird in einem eigenen Paragrafen verdankt. Das ist die Regel für die Beiträge, welche die Schreib-Profis der Medizin-Agenturen erbringen.
Der als Autor einer Studie genannte Wissenschafter muss:
Oeinen wichtigen Beitrag zur Konzeption oder zur Datenerhebung oder zur Interpretation der Daten leisten,
Oden Entwurf der Studie selbst schreiben oder zumindest revidieren,
Odie endgültige Fassung der Studie zur Publikation freigeben.
Wer diese drei Kriterien nicht alle erfüllt, gilt nur als Unterstützer. Im Fachblatt «PLoS Medicine» kritisiert nun der britische Medizin-Autor Alastair Matheson, die Dreier-Regel sei viel zu wenig streng und würde von der Pharmaindustrie dazu ausgenutzt, ihren Beitrag zu Studien unter dem Namen von Uni-Forschern zu verschleiern. In der Praxis sei der Ermessensspielraum bei den ersten beiden Punkten gross. Die Industrie könne eine Studie planen, durchführen und von einer Medizin-Agentur schreiben lassen, als Autor gelte weiterhin einzig der Hochschul-Forscher, falls er die Publikation am Ende absegne.
Matheson - selbst als Berater in der Industrie tätig - verlangt, dass in solchen Fällen die Mitarbeiter der Kommunikationsagenturen und der Pharmaindustrie mit Namen als Autoren genannt werden. Zumindest müsse der Name der Agentur oder der Pharmafirma in der Autorenzeile stehen.
Françoise Rampelberg von der Archimed Medical Communication AG ist der Ansicht, dass die geltenden Regeln - die «redaktionelle Unterstützung» in einem speziellen Paragrafen der Publikation zu erwähnen - eine «ausreichende Transparenz» schaffe. Ihre Kunden, internationale Forscher und Firmen, nähmen diese Richtlinien zur Transparenz sehr ernst.
Sponsoring am Unispital Zürich
Zumindest früher war das nicht immer der Fall. So deckte «PLoS Medicine» letztes Jahr auf, dass die Pharmafirma Wyeth, heute eine Pfizer-Tochter, eine PR-Agentur 26 Artikel verfassen liess. Sie erschienen zwischen 1998 und 2005 unter den Namen von «Gastautoren» in diversen Fachblättern und rückten die umstrittene Hormonersatztherapie bei Frauen in den Wechseljahren in zu gutes Licht. Über die Rolle von Wyeth schwiegen sich die Studien aus.
Erfahrung mit Sponsoring und Schreibhilfe haben zum Beispiel Forscher um Edouard Battegay und Pierre-Alexandre Krayenbühl vom Unispital Zürich. Sie liessen sich eine Studie über die Wirksamkeit von Eisen-Infusionen zur Behandlung von Müdigkeit bei Frauen vom Hersteller Vifor Pharma sponsern, der auch für die Überarbeitung des Manuskripts durch Archimed aufkam. In Übereinstimmung mit den ICMJE-Richtlinien sind diese Sachverhalte in der Studie, die jüngst im angesehenen Fachblatt «Blood» erschien, im Detail dokumentiert.
Edouard Battegay erklärt, sie hätten die wesentlichen Schritte an der Studie selbst durchgeführt, insbesondere die Interpretation der Ergebnisse. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Eisen-Infusionen kein Wundermittel darstellen und nur bei Frauen mit tiefen Eisenwerten im Blut sinnvoll sind.
Trotzdem bleibt beim Internisten Rolf Streuli ob solcher Kooperationen ein Unbehagen. «Die Gefahr besteht, dass Resultate im Sinne des Auftraggebers umgebogen werden», sagt er. «Aber vielleicht ist die heutige Ärzte-Generation da weniger empfindlich.» 




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Twitter, E-Mail, Facebook: Ständig sind wir auf der Jagd nach Neuigkeiten. Manchmal artet das zur Sucht aus, die behandelt werden muss. Warum digitale Kommunikation so verführerisch ist. Von Simone Schmid
Die Ferien in Sardinien waren schön, fand die Mutter. Wenn es die Tochter nur auch bemerkt hätte. «Sie sass stundenlang im Haus und hat auf Facebook mit ihren Freunden gechattet, statt sich am Strand zu erholen», erzählt die Mutter. Alle Freundinnen der 15-jährigen Tochter hätten einen Facebook-Account und ein Smartphone, mit dem sie auch in den Ferien ständig untereinander in Kontakt gewesen seien. Statt im Meer zu baden, posteten die Jungen ihren aktuellen Standort und diskutierten im Internet über Burschen, Liebschaften und Streitigkeiten. «Der Sog von Facebook ist enorm», sagt die Mutter.
In der Schweiz kommt das Problem mittlerweile in den Suchtkliniken an. «Es gibt erste Patienten, die einen begleiteten Facebook-Entzug gemacht haben», sagt Franz Eidenbenz, Fachpsychologe mit dem Spezialgebiet neue Medien. Und nicht nur Facebook ist mächtig: Twitter, SMS, E-Mails, alle Formen der digitalen Kommunikation üben eine Faszination aus, die in Sucht umschlagen kann.
«Soziales Feedback aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn», erklärt der Jugendpsychiater Oliver Bilke-Hentsch vom Schweizerischen Institut für Suchtfragen (SISTA-KJF). Eine E-Mail oder SMS fühlt sich also an wie ein kleiner Kick. Noch viel stärker ist die Wirkung von Social-Media-Seiten wie Facebook, wo Hunderte von Freunden die Möglichkeit haben, Fotos oder Aussagen mit einem «Mag ich» zu bewerten. «Man empfängt Tag und Nacht einen Strom von netten, kleinen Zuwendungen aus allen Richtungen», sagt Bilke-Hentsch. Diese kleinen Belohnungen sind perfekt auf die eigene Person zugeschnitten, denn man löst sie ja mit eigenen Bildern oder Kommentaren aus.
Noch nie war es für einen Normalsterblichen möglich, so viel Zuwendungen und Aufmerksamkeit zu erhalten. «Bisher bekamen das nur Stars oder Politiker», sagt der Zürcher Psychologe Gregor Waller von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Aufmerksamkeit zu bekommen, sei aber ein Urbedürfnis des Menschen. Babys könnten nur überleben, wenn sie von ihren Eltern Aufmerksamkeit erhalten. «Darum dürstet jeder danach.»
Dieses Dürsten kann so weit gehen, dass die eigene Existenz von der Aufmerksamkeit anderer abhängt. «Facebook-Süchtige haben das unerträgliche Gefühl, dass sie nicht mehr existieren, wenn sie nicht dauernd von anderen wahrgenommen werden», so Bilke-Hentsch. Darum ist für einige Teenager die Vorstellung einer Ferienwohnung ohne Internetversorgung der reinste Horror. «Wenn das stete virtuelle Feedback abbricht, ist ihre soziale Existenz gefährdet.»
Im englischen Sprachgebrauch existiert für diesen Zustand bereits der Begriff «Facebook Addiction Disorder». Doch in der Medizin und Psychiatrie spricht man allgemeiner vom «Pathologischen Mediengebrauch». Hierzu zählt das krankhafte Twittern, SMS- und E-Mail-Schreiben, aber auch exzessives Surfen auf Porno-Seiten oder das krankhafte Spielen von Online-Rollenspielen. Studien zeigten, dass Mädchen tendenziell anfälliger sind für eine Kommunikationssucht, Buben verfallen eher dem exzessiven Gamen.
In der Schweiz sind mittlerweile 84 Prozent aller 12- bis 19-Jährigen auf mindestens einer Social-Media-Seite angemeldet, der grösste Teil von ihnen auf Facebook («James-Studie» 2010). «Die meisten haben einen Heidenspass und keine Probleme damit», sagt Bilke-Hentsch. Er selber hilft denjenigen, die keinen Spass mehr haben. «Eine Sucht zeigt sich darin, dass man sich sozial, psychisch oder physisch schädigt.» Schlechte Schulnoten, das Vernachlässigen von Hobbys und Freunden gelten als Warnzeichen einer Internetsucht (siehe Kasten S. 46). «Ein Süchtiger vernachlässigt alles andere, weil er den Wunsch nach Belohnung nicht mehr unterdrücken kann», erklärt Bilke-Hentsch. Zahlen, wie viele Personen aus der Schweiz einen pathologischen Mediengebrauch haben, gibt es noch zu wenig. Nach einer Hochrechnung auf der Basis von Internetanschlüssen geht der Suchtexperte Franz Eidenbenz davon aus, dass es in der Schweiz rund 70 000 Online-süchtige und schätzungsweise 110 000 Gefährdete gibt. Darin sind aber nicht nur die jugendlichen Social-Media-Abhängigen enthalten, sondern auch die älteren Nutzer, die mehr den Pornoseiten oder Internet-Glücksspielen verfallen.
Auch der Jugendpsychiater Bilke-Hentsch beklagt fehlende Forschung. Aber er hat eine pragmatische Formel. «Aufgrund vieler Studien wissen wir, dass 5 bis 10 Prozent aller Jugendlichen seelische Auffälligkeiten haben.» Sie leiden unter Depressionen, Angst- oder Aufmerksamkeitsstörungen und «hätten auch schon vor 2000 Jahren gewisse Auffälligkeiten gezeigt», wie das Bilke-Hentsch ausdrückt. «Wenn neue Suchtmittel auf eine Gesellschaft treffen, sind das meistens diese Risiko-Kinder, die Probleme damit bekommen.» Nicht das Internet löst also die Sucht aus, sondern bestehende psychische Krankheiten oder Familienkonflikte. Bei einem Facebook-Entzug geht es daher in erster Linie darum, herauszufinden, was das wirkliche Problem ist. In schwerwiegenden Fällen - wenn ein Teenager zum Beispiel seit Monaten nicht mehr zur Schule ging - startet man den Entzug mit einem stationären Klinikaufenthalt und einer rigiden Internet-Abstinenz.
Dann werden viele Fragen gestellt. Zum Beispiel: «Warum brauchst du die Bestätigung von fünf fremden Burschen, die das Bild von dir im Badekleid mögen?» Bei Social-Media-Abhängigkeiten gehe es meistens um fehlendes Selbstwertgefühl und um Narzissmus, erklärt der Therapeut. Es würde nach Wegen gesucht, wie die Jugendlichen auch in der realen Welt mehr Wertschätzung erhalten. «Oft hat da die Familie eine wichtige Rolle.»
Im letzten Schritt des Entzugs muss ein neuer Umgang mit dem Internet gelernt werden. «Das ist wie bei einer Ernährungsumstellung: Man muss sich fragen, was man noch essen möchte und wie viel Schokolade noch drinliegt.» Die Gesellschaft habe sich dazu entschlossen, wichtige Funktionen ins Internet zu verlagern. «Darum kann eine vollständige Abstinenz nicht das Ziel sein», sagt Bilke-Hentsch, «sondern so etwas wie .»
Genau das müssen heute alle Jugendlichen lernen: mit den Verlockungen der digitalen Welt umzugehen. «Der Computer muss bei Heranwachsenden vom Spielzeug zum Arbeitsmittel werden», fasst Bilke-Hentsch zusammen. Und der Medienpsychologe Gregor Waller fordert: «Die Eltern müssen ihre Kinder darüber aufklären, was das für Auswirkungen hat, wenn sie übermässig viel twittern, SMS schreiben oder auf Facebook sind.» Die ständigen Ablenkungen führten dazu, dass man weniger produktive Glücksmomente hat, in denen man vollständig in einer Materie versinkt. «Gerade fürs Lernen sind solche Zustände aber wichtig.» Vor allem Kinder, die bereits Aufmerksamkeitsprobleme haben, hätten durch die Ablenkungen mehr Mühe, die geforderte Leistung in der Schule zu bringen.
Auch Erwachsene, die ihre Arbeit dauernd unterbrechen, weil sie zwanghaft E-Mails oder SMS checken, seien weniger produktiv und hätten dadurch mehr Stress. «Ich selber habe meinen Mail-Eingang so eingestellt, dass ich nur noch dreimal am Tag die neusten Nachrichten bekomme», sagt Waller. Wenn man wisse, dass nichts da sein wird, müsse man auch nicht dauernd nachschauen. «Man rennt ja auch nicht stündlich zum Briefkasten.»
Die Mutter auf Sardinien konnte die Familienferien übrigens doch noch geniessen - mit einem rigiden Facebook-Regime. «Wenn ich am Morgen unter der Dusche war, durfte meine Tochter eine halbe Stunde lang auf Facebook chatten.» Dann aber musste der Teenager ab an den Strand.