Sonntag, 14. August 2011

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Twitter, E-Mail, Facebook: Ständig sind wir auf der Jagd nach Neuigkeiten. Manchmal artet das zur Sucht aus, die behandelt werden muss. Warum digitale Kommunikation so verführerisch ist. Von Simone Schmid
Die Ferien in Sardinien waren schön, fand die Mutter. Wenn es die Tochter nur auch bemerkt hätte. «Sie sass stundenlang im Haus und hat auf Facebook mit ihren Freunden gechattet, statt sich am Strand zu erholen», erzählt die Mutter. Alle Freundinnen der 15-jährigen Tochter hätten einen Facebook-Account und ein Smartphone, mit dem sie auch in den Ferien ständig untereinander in Kontakt gewesen seien. Statt im Meer zu baden, posteten die Jungen ihren aktuellen Standort und diskutierten im Internet über Burschen, Liebschaften und Streitigkeiten. «Der Sog von Facebook ist enorm», sagt die Mutter.
In der Schweiz kommt das Problem mittlerweile in den Suchtkliniken an. «Es gibt erste Patienten, die einen begleiteten Facebook-Entzug gemacht haben», sagt Franz Eidenbenz, Fachpsychologe mit dem Spezialgebiet neue Medien. Und nicht nur Facebook ist mächtig: Twitter, SMS, E-Mails, alle Formen der digitalen Kommunikation üben eine Faszination aus, die in Sucht umschlagen kann.
«Soziales Feedback aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn», erklärt der Jugendpsychiater Oliver Bilke-Hentsch vom Schweizerischen Institut für Suchtfragen (SISTA-KJF). Eine E-Mail oder SMS fühlt sich also an wie ein kleiner Kick. Noch viel stärker ist die Wirkung von Social-Media-Seiten wie Facebook, wo Hunderte von Freunden die Möglichkeit haben, Fotos oder Aussagen mit einem «Mag ich» zu bewerten. «Man empfängt Tag und Nacht einen Strom von netten, kleinen Zuwendungen aus allen Richtungen», sagt Bilke-Hentsch. Diese kleinen Belohnungen sind perfekt auf die eigene Person zugeschnitten, denn man löst sie ja mit eigenen Bildern oder Kommentaren aus.
Noch nie war es für einen Normalsterblichen möglich, so viel Zuwendungen und Aufmerksamkeit zu erhalten. «Bisher bekamen das nur Stars oder Politiker», sagt der Zürcher Psychologe Gregor Waller von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Aufmerksamkeit zu bekommen, sei aber ein Urbedürfnis des Menschen. Babys könnten nur überleben, wenn sie von ihren Eltern Aufmerksamkeit erhalten. «Darum dürstet jeder danach.»
Dieses Dürsten kann so weit gehen, dass die eigene Existenz von der Aufmerksamkeit anderer abhängt. «Facebook-Süchtige haben das unerträgliche Gefühl, dass sie nicht mehr existieren, wenn sie nicht dauernd von anderen wahrgenommen werden», so Bilke-Hentsch. Darum ist für einige Teenager die Vorstellung einer Ferienwohnung ohne Internetversorgung der reinste Horror. «Wenn das stete virtuelle Feedback abbricht, ist ihre soziale Existenz gefährdet.»
Im englischen Sprachgebrauch existiert für diesen Zustand bereits der Begriff «Facebook Addiction Disorder». Doch in der Medizin und Psychiatrie spricht man allgemeiner vom «Pathologischen Mediengebrauch». Hierzu zählt das krankhafte Twittern, SMS- und E-Mail-Schreiben, aber auch exzessives Surfen auf Porno-Seiten oder das krankhafte Spielen von Online-Rollenspielen. Studien zeigten, dass Mädchen tendenziell anfälliger sind für eine Kommunikationssucht, Buben verfallen eher dem exzessiven Gamen.
In der Schweiz sind mittlerweile 84 Prozent aller 12- bis 19-Jährigen auf mindestens einer Social-Media-Seite angemeldet, der grösste Teil von ihnen auf Facebook («James-Studie» 2010). «Die meisten haben einen Heidenspass und keine Probleme damit», sagt Bilke-Hentsch. Er selber hilft denjenigen, die keinen Spass mehr haben. «Eine Sucht zeigt sich darin, dass man sich sozial, psychisch oder physisch schädigt.» Schlechte Schulnoten, das Vernachlässigen von Hobbys und Freunden gelten als Warnzeichen einer Internetsucht (siehe Kasten S. 46). «Ein Süchtiger vernachlässigt alles andere, weil er den Wunsch nach Belohnung nicht mehr unterdrücken kann», erklärt Bilke-Hentsch. Zahlen, wie viele Personen aus der Schweiz einen pathologischen Mediengebrauch haben, gibt es noch zu wenig. Nach einer Hochrechnung auf der Basis von Internetanschlüssen geht der Suchtexperte Franz Eidenbenz davon aus, dass es in der Schweiz rund 70 000 Online-süchtige und schätzungsweise 110 000 Gefährdete gibt. Darin sind aber nicht nur die jugendlichen Social-Media-Abhängigen enthalten, sondern auch die älteren Nutzer, die mehr den Pornoseiten oder Internet-Glücksspielen verfallen.
Auch der Jugendpsychiater Bilke-Hentsch beklagt fehlende Forschung. Aber er hat eine pragmatische Formel. «Aufgrund vieler Studien wissen wir, dass 5 bis 10 Prozent aller Jugendlichen seelische Auffälligkeiten haben.» Sie leiden unter Depressionen, Angst- oder Aufmerksamkeitsstörungen und «hätten auch schon vor 2000 Jahren gewisse Auffälligkeiten gezeigt», wie das Bilke-Hentsch ausdrückt. «Wenn neue Suchtmittel auf eine Gesellschaft treffen, sind das meistens diese Risiko-Kinder, die Probleme damit bekommen.» Nicht das Internet löst also die Sucht aus, sondern bestehende psychische Krankheiten oder Familienkonflikte. Bei einem Facebook-Entzug geht es daher in erster Linie darum, herauszufinden, was das wirkliche Problem ist. In schwerwiegenden Fällen - wenn ein Teenager zum Beispiel seit Monaten nicht mehr zur Schule ging - startet man den Entzug mit einem stationären Klinikaufenthalt und einer rigiden Internet-Abstinenz.
Dann werden viele Fragen gestellt. Zum Beispiel: «Warum brauchst du die Bestätigung von fünf fremden Burschen, die das Bild von dir im Badekleid mögen?» Bei Social-Media-Abhängigkeiten gehe es meistens um fehlendes Selbstwertgefühl und um Narzissmus, erklärt der Therapeut. Es würde nach Wegen gesucht, wie die Jugendlichen auch in der realen Welt mehr Wertschätzung erhalten. «Oft hat da die Familie eine wichtige Rolle.»
Im letzten Schritt des Entzugs muss ein neuer Umgang mit dem Internet gelernt werden. «Das ist wie bei einer Ernährungsumstellung: Man muss sich fragen, was man noch essen möchte und wie viel Schokolade noch drinliegt.» Die Gesellschaft habe sich dazu entschlossen, wichtige Funktionen ins Internet zu verlagern. «Darum kann eine vollständige Abstinenz nicht das Ziel sein», sagt Bilke-Hentsch, «sondern so etwas wie .»
Genau das müssen heute alle Jugendlichen lernen: mit den Verlockungen der digitalen Welt umzugehen. «Der Computer muss bei Heranwachsenden vom Spielzeug zum Arbeitsmittel werden», fasst Bilke-Hentsch zusammen. Und der Medienpsychologe Gregor Waller fordert: «Die Eltern müssen ihre Kinder darüber aufklären, was das für Auswirkungen hat, wenn sie übermässig viel twittern, SMS schreiben oder auf Facebook sind.» Die ständigen Ablenkungen führten dazu, dass man weniger produktive Glücksmomente hat, in denen man vollständig in einer Materie versinkt. «Gerade fürs Lernen sind solche Zustände aber wichtig.» Vor allem Kinder, die bereits Aufmerksamkeitsprobleme haben, hätten durch die Ablenkungen mehr Mühe, die geforderte Leistung in der Schule zu bringen.
Auch Erwachsene, die ihre Arbeit dauernd unterbrechen, weil sie zwanghaft E-Mails oder SMS checken, seien weniger produktiv und hätten dadurch mehr Stress. «Ich selber habe meinen Mail-Eingang so eingestellt, dass ich nur noch dreimal am Tag die neusten Nachrichten bekomme», sagt Waller. Wenn man wisse, dass nichts da sein wird, müsse man auch nicht dauernd nachschauen. «Man rennt ja auch nicht stündlich zum Briefkasten.»
Die Mutter auf Sardinien konnte die Familienferien übrigens doch noch geniessen - mit einem rigiden Facebook-Regime. «Wenn ich am Morgen unter der Dusche war, durfte meine Tochter eine halbe Stunde lang auf Facebook chatten.» Dann aber musste der Teenager ab an den Strand.





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